Angst? Gier? Von wegen! Der Markt zeigt echte Schizophrenie. Noch vor Kurzem waren Händler überzeugt, dass die Revolution der Künstlichen Intelligenz die Wirtschaft beschleunigen und die Unternehmensgewinne steigern würde. Jetzt wächst die Sorge, dass KI-Technologien so revolutionär sind, dass sie viele Unternehmen vom Markt verdrängen werden. Anleger versuchen herauszufinden, wer zuerst darunter leiden wird, und stoßen die Aktien von Softwareherstellern, Brokern und anderen Finanzdienstleistern ab.
Die Banken sind zwischen die Fronten geraten. Die Aktien von Bank of America, JP Morgan und Citigroup gaben um mehr als 2 % nach und schickten den S&P 500 auf eine Achterbahnfahrt. Die Rallye des breiten Aktienindex wurde durch beeindruckende Arbeitsmarktdaten aus den USA gestützt. Im Dezember entstanden 130.000 neue Stellen, und die Arbeitslosenquote fiel überraschend von 4,4 % auf 4,3 %.
Entwicklung der US-Aktienindizes
Die rückläufige Wahrscheinlichkeit einer Lockerung der Fed-Politik im April von 42% auf 22% und der Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen haben die Anleger dazu gezwungen, ihre Einschätzungen zu überdenken. Viele der schlechten Nachrichten aus der US-Wirtschaft wirkten sich 2025 positiv auf den S&P 500 aus. 2026 hat sich das Blatt jedoch gewendet. Selbst gute US-Konjunkturdaten entwickeln sich zunehmend zu einem Belastungsfaktor für den US-Aktienmarkt. Die erwarteten Zeitpunkte für den Beginn eines neuen geldpolitischen Expansionszyklus der Fed verschieben sich nach hinten, was den breiten Index nervös macht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Lage kritisch wäre. Im Gegenteil, sie eröffnet Raum für eine breitere Sektorrotation. Laut Deutsche Bank haben Aktienfonds außerhalb des Tech-Sektors in den ersten fünf Wochen dieses Jahres Rekordzuflüsse von 62 Milliarden US-Dollar verzeichnet. Das ist mehr als im gesamten Jahr 2025. Von Panik kann also keine Rede sein. Im Gegenteil zeigt eine Umfrage der Federal Reserve Bank of New York, dass der Optimismus der US-Bürger in Bezug auf Aktien den höchsten Stand seit dem Hoch des vergangenen Jahres erreicht hat.
Dennoch führt diese Rotation zu erheblichen Kursschwankungen. Citigroup weist darauf hin, dass viele Unternehmen starke Kursbewegungen verzeichnen, wenn ihre tatsächlichen Geschäftsergebnisse deutlich von den Prognosen abweichen – mit durchschnittlichen Kursverlusten oder -gewinnen von 5,2%, dem höchsten Wert seit 2012.
KGV-Entwicklung bei Software-Herstellern
Die Frage ist, ob man weiterhin Technologie abstoßen sollte. JP Morgan und Goldman Sachs sind der Ansicht, dass es an der Zeit ist, die deutlich günstiger bewerteten Titel zu kaufen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnerwartungen für Softwarehersteller ist auf ein Rekordtief von unter 20 gefallen. Es hat sich leicht auf 23 erholt, liegt damit aber weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt von 34.
Aus technischer Sicht zeigt das Tageschart, dass der S&P 500 gemischte Bewegungen mit einer Doppeltop-Formation aufweist. In dieser Situation ist es sinnvoll, den fairen Wert bei 6.840 im Auge zu behalten. Die Unfähigkeit der Bullen, dieses Niveau zu halten, wäre ein Auslöser für Verkäufe – und umgekehrt.