Während der Euro noch zögert, handelt der Dollar bereits. Anleger spekulieren darüber, ob Christine Lagarde ihren Posten als Chefin der EZB planmäßig oder vorzeitig verlassen wird. Wie wird sich dies auf EUR/USD auswirken? Unterdessen haben „hawkishe“ Kommentare von Fed-Vertretern zu einer deutlichen Verschiebung der Erwartungen am Terminmarkt geführt. Erstmals seit Langem signalisieren Derivate für Juni eine weniger als 50%ige Wahrscheinlichkeit einer Senkung der Federal-Funds-Rate. Dieses Umfeld spielt der US-Währung in die Karten.
Dynamik der erwarteten geldpolitischen Lockerung der Fed im JuniDer US‑Dollar stand lange Zeit unter Druck, da man davon ausging, dass der neue Fed‑Vorsitzende die übrigen Entscheidungsträger zu einer Senkung des Leitzinses drängen würde. Nachdem Donald Trump jedoch Kevin Warsh auswählte, beruhigten sich die Märkte etwas. Er galt als der am wenigsten „dovish“ aller Kandidaten. Dennoch hat er seinen Wunsch nach einer Lockerung der Geldpolitik nie verheimlicht.
Doch die Fed ist keine One‑Man‑Show; ihre Beschlüsse werden kollektiv gefasst. Der Rückgang von EUR/USD ist Ausdruck der Erkenntnis, dass eine einfache Wiederaufnahme des Zyklus monetärer Expansion nicht in der Macht eines Einzelnen liegt. Zudem sind Investoren der Ansicht, dass Kevin Warsh – anders als sein Hauptkonkurrent Kevin Hassett – die Unabhängigkeit der Fed wahren wird.
Das Beispiel der USA wirkt ansteckend. Auch die EZB wird eine neue Führungsperson benötigen. Am Markt kursieren Gerüchte, dass im Fall, dass Christine Lagarde bis zum Ende ihrer Amtszeit bleibt, ihre Nachfolge von der politischen Rechten in Frankreich bestimmt werden müsste. Diese drängt darauf, dass die Zentralbank notleidende lokale Anleihen aufkauft. Um dies zu verhindern, solle sie vorzeitig zurücktreten.
Rund 57 % der von Bloomberg befragten Experten halten dieses Szenario für wahrscheinlich. Tritt Lagarde vorzeitig zurück, gilt Klaas Knot als Hauptkandidat. Bleibt sie im Amt, dürfte es eher Pablo Hernandez de Cos, der Chef der Bank for International Settlements, werden. Knot wird als „Falke“ eingestuft, während Hernandez de Cos eher als „Taube“ gilt.
Vorzeitiger Rücktritt als bullischer Faktor für den EuroIn dieser Hinsicht wäre ein vorzeitiger Rücktritt Lagardes ein „bullischer“ Faktor für den Euro. Der Rückgang von EUR/USD wird durch die Befürchtung getrieben, dass die Regierungen Frankreichs und Deutschlands Entscheidungen für die EZB treffen. Dies käme einer geschwächten Autorität der Fed gleich.
Es ist bemerkenswert, dass auch der Premierminister Japans versucht, in die Angelegenheiten der Zentralbank einzugreifen. Bei einem Treffen mit dem BoJ-Chef Kazuo Ueda äußerte sie ihre Unzufriedenheit mit der Normalisierung der Geldpolitik. Infolgedessen hat der Yen gegenüber den wichtigsten globalen Währungen deutlich an Wert verloren.
Somit sind es nicht nur makroökonomische Faktoren, die die Wechselkurse am Forex-Markt bestimmen. Auch die Politik spielt dabei eine Rolle.
Aus technischer Sicht findet im Tages-Chart von EUR/USD aktuell ein Kampf um die Untergrenze der Fair-Value-Spanne bei 1,1785–1,194 statt. Sollten die „Bären“ den Sieg davontragen, würde ein Fall des Hauptwährungspaares unter 1,1765 eine Ausweitung von Short-Positionen ermöglichen. Gelingt hingegen den „Bullen“ der Durchbruch, wäre dies ein Anlass, Käufe des Euro gegenüber dem U.S. Dollar in Betracht zu ziehen.