EUR/GBP. Das britische Paradox: Das Paar fällt angesichts der sich zuspitzenden Energiekrise

Das Währungspaar EUR/GBP fällt nun bereits die zweite Woche in Folge nahezu ununterbrochen, obwohl sich die Energiekrise verschärft. Der Kurs des Paares erreichte mit 0,8620 ein Fünfwochentief, nachdem er in der Woche zuvor, noch vor Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten, fast die 0,88er-Marke erreicht hatte. Die Krise im Nahen Osten hat das fundamentale Bild für das Paar grundlegend „neu gezeichnet“. Die europäische Gemeinschaftswährung geriet unter Druck, während das Pfund sich unerwartet als Profiteur der Lage erwiesen hat.

Die aktuelle Entwicklung von EUR/GBP spiegelt die Folgen der Energiekrise wider. Der Euro reagiert sensibler auf steigende Energiekosten, da die europäische Region Nettoenergieimporteur ist. Der abrupte Preisanstieg (Großhandelspreise für Öl stiegen um 35 %, Gaspreise um fast 70 %) hat die europäische Währung stark belastet. Hinzu kommen anhaltende Streiks im Schifffahrtssektor und steigende Versicherungsprämien, die die europäische Industrie stärker treffen als die britische, da die EU deutlich stärker in globale Lieferketten eingebunden ist.

Auch das Vereinigte Königreich leidet unter den Folgen des Konflikts im Nahen Osten, wenn auch mit wichtigen Einschränkungen. So deckt die Förderung auf dem britischen Nordsee-Schelf rund 40–45 % des Gasbedarfs des Vereinigten Königreichs. Zum Vergleich: Deutschlands heimische Produktion deckt lediglich etwa 5 % seines Bedarfs.

Für Trader, die mit EUR/GBP handeln, ist die relative Widerstandskraft entscheidend – und diese stellt das Pfund (gegenüber dem Euro) in ein günstiges Licht.

Allerdings gibt es auch eine Kehrseite der Medaille, die ebenfalls für die britische Währung spricht. Über 80 % der britischen Haushalte heizen mit Gas. Ein sprunghafter Anstieg der Energiepreise (und die Preise steigen, selbst bei heimischer Produktion) wird daher zwangsläufig auf die Inflation durchschlagen, die vor Beginn der Krise im Nahen Osten noch rückläufig war. Das bedeutet, dass die Bank of England die Risiken einer zweiten Inflationswelle vermutlich berücksichtigen und ihre Pläne für Zinssenkungen „auf Eis legen“ wird – zumindest für die nächsten zwei Sitzungen (die erste davon ist bereits für die kommende Woche angesetzt).

In der Eurozone stellt sich die Lage etwas anders dar. Die europäische Wirtschaft ist empfindlicher gegenüber Gaspreisen als Rohstoff für die Produktion. Deutschland etwa ist im Wohnsektor weniger gasabhängig (im Vergleich zum Vereinigten Königreich), doch die Industrie leidet stärker unter hohen Energiepreisen, da Gas in der chemischen und metallurgischen Industrie intensiv genutzt wird. Im Vereinigten Königreich hingegen dominiert die Dienstleistungswirtschaft, was es dem Land „leichter“ macht, hohe Gaspreise auszuhalten als etwa der deutschen Industrie.

Anders ausgedrückt: Während hohe Gaspreise im Vereinigten Königreich vor allem höhere Rechnungen (also steigende Verbraucherpreisinflation) bedeuten, stellen sie in der Eurozone (insbesondere in Deutschland) einen erheblichen Schlag für den Industriesektor sowie ein Risiko für eine Erosion der industriellen Basis (und die Inflationsdynamik) dar.

Hinzu kommt ein psychologischer Faktor: Das Vereinigte Königreich wird von Tradern geografisch und politisch als weiter vom direkten Einfluss der Instabilität an den östlichen Grenzen der EU und von der Energiekrise in der Eurozone entfernt wahrgenommen.

Unter den aktuellen Bedingungen verzeichnet das Pfund gegenüber dem Euro eine erhöhte Nachfrage. Die Sorgen vor Stagflation in der Eurozone spielen den Verkäufern von EUR/GBP in die Karten. Der Markt preist ein Szenario ein, in dem die Europäische Zentralbank zwischen der Bekämpfung der Inflation und der Unterstützung einer sich abkühlenden Wirtschaft wählen muss. Einige Analysten gehen davon aus, dass die Notenbank den Energieschock in gewissem Maße „hinnehmen“ muss, um eine Rezession zu vermeiden.

Zusätzliche Unterstützung erhält das Pfund durch steigende Renditen britischer Staatsanleihen. Wie bereits erwähnt, hat sich die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung durch die Bank of England deutlich verringert (einige Analysten halten sogar eine Straffung der Geldpolitik bis zum Jahresende für möglich), was zu einem merklichen Anstieg der Renditen britischer Anleihen geführt hat – insbesondere ist die Rendite zweijähriger Papiere um mehr als 50 Basispunkte gestiegen.

Damit behält das Währungspaar weiteres Abwärtspotenzial.

Aus technischer Sicht bewegt sich das Währungspaar EUR/GBP im D1-Chart zwischen der mittleren und der unteren Linie des Bollinger-Bänder-Indikators und unter sämtlichen Linien des Ichimoku-Indikators, der ein bärisches „Parade of Lines“-Signal ausgebildet hat. Ein ähnliches Bild zeigt sich im H4-Chart. Das nächste Ziel der Abwärtsbewegung liegt im Bereich von 0,8600, was der unteren Linie der Bollinger Bänder und gleichzeitig der oberen Grenze der Kumo-Wolke im Wochenchart entspricht. Das zentrale mittelfristige Ziel befindet sich im Bereich von 0,8550 (die mittlere Linie der Bollinger Bänder im Monatschart).