Das Pfund hat im Währungspaar mit dem Dollar negativ auf die heutigen Arbeitsmarktdaten aus Großbritannien reagiert. Auf den ersten Blick wirkt diese Reaktion ungewöhnlich, denn viele Bestandteile der Veröffentlichung fielen positiv aus. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Die Einzelheiten des Berichts deuten auf besorgniserregende Entwicklungen hin – und genau auf diese Entwicklungen richteten die Trader ihre Aufmerksamkeit.
So ist die britische Arbeitslosenquote den veröffentlichten Daten zufolge unerwartet auf 4,9 % gesunken, nachdem sie zwei Monate lang bei 5,2 % (dem höchsten Stand seit fünf Jahren) gelegen hatte. Die meisten Analysten hatten für Februar damit gerechnet, dass der Indikator auf dem Niveau des Vormonats verharren würde. Auch beim Lohnwachstum gab es positive Überraschungen: Die durchschnittlichen Einkommen stiegen um 3,8 %, während ein Rückgang auf 3,6 % erwartet worden war. Ohne Boni fiel der Wert auf 3,6 %, bei einer Prognose von 3,5 %.
Allerdings fiel die wöchentliche Veränderung der Anträge auf Arbeitslosenunterstützung negativ aus: Anstatt wie prognostiziert auf 21,4 Tsd. zu steigen, kletterte die Zahl der Anträge auf 26,8 Tsd. Der Aufwärtstrend setzt sich damit bereits den fünften Monat in Folge fort.
Wie bereits erwähnt, erschöpft sich die Problematik der Veröffentlichung nicht in diesem Makel. Hinter den „schönen“ Überschriften verbergen sich deutliche Schwächen am britischen Arbeitsmarkt.
So ist etwa der Rückgang der Arbeitslosenquote auf den niedrigsten Stand seit August vergangenen Jahres alles andere als ermutigend. Der Haupttreiber war ein Anstieg der wirtschaftlichen Inaktivität. Der Rückgang der Arbeitslosenquote ist weitgehend darauf zurückzuführen, dass Menschen den Arbeitsmarkt verlassen. Die wirtschaftliche Inaktivität stieg auf 21 %. Mit anderen Worten: Rund 9 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter arbeiten weder noch suchen sie aktiv eine Beschäftigung – etwa wegen Krankheit, Ausbildung oder aus anderen Gründen. Formal gelten sie nicht als arbeitslos, weil sie in der Statistik aus dieser Kategorie herausfallen, de facto bleiben sie jedoch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.
Ein weiterer besorgniserregender Frühindikator waren die payrolls (HMRC). Den Steuer- und Zolldaten für März zufolge sank die Zahl der Beschäftigten auf den Gehaltslisten um 11.000, während die meisten Experten nur mit einem Rückgang um 5.000 gerechnet hatten. Zudem wurde der Februar-Wert deutlich nach unten revidiert – von +20.000 auf −6.000.
Ein weiteres negatives Signal stammt aus der nachlassenden Nachfrage und einem faktischen Einstellungsstopp. Der britische Arbeitsmarkt ist kein Markt der Arbeitgebermehr geworden: Die Zahl der offenen Stellen fiel unter die Marke von 700.000 und damit auf den niedrigsten Stand seit der Corona-Krise. Zudem zeichnet sich ein anhaltender Trend steigender Entlassungen ab – ein Hinweis darauf, dass Unternehmen von einem Denken in Kategorien von Arbeitskräftemangel zu einer Strategie der Personaloptimierung übergehen. Auch Künstliche Intelligenz trägt zu diesem Wandel bei: Laut aktuellen Berichten von HR-Verbänden, darunter CIPD, erwartet jedes sechste Unternehmen in Großbritannien in den kommenden zwölf Monaten Stellenabbau infolge des Einsatzes von KI.
Auch der „grüne Anstrich“ der Lohndaten erweist sich als trügerisch. Zwar bleiben die Nominallöhne relativ hoch, doch im Februar wurde mit +3,8 % inklusive Boni und +3,6 % ohne Boni das schwächste Lohnwachstum seit Ende 2020 verzeichnet. Unter Berücksichtigung der durch Energiekrise und geopolitische Spannungen getriebenen Inflationswelle wird die reale Kaufkraft der privaten Haushalte sinken.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der sich später negativ bemerkbar machen dürfte. Zum 1. April dieses Jahres hat das Vereinigte Königreich den national living wage auf 12,71 £ pro Stunde für Beschäftigte ab 21 Jahren angehoben. Diese Entscheidung wird den Druck auf kleine Unternehmen offensichtlich erhöhen; vor dem Hintergrund der nachlassenden Nachfrage können sie darauf voraussichtlich nur mit weiteren Stellenstreichungen und einem Einstellungsstopp für jüngere Arbeitskräfte reagieren.
Damit ist der heutige Bericht zum britischen Arbeitsmarkt nicht einfach nur gemischt zu bewerten – im Kern fällt er schwach und negativ aus. Die Reaktion des Marktes im Währungspaar GBP/USD auf diese Veröffentlichung erscheint daher absolut nachvollziehbar und gerechtfertigt.
Dennoch scheuen Marktteilnehmer derzeit davor zurück, große Positionen in GBP/USD und in den wichtigsten Währungspaaren aufzubauen. Die Geopolitik wirkt als Sicherheitsventil: Die Unsicherheit über eine zweite Runde von Verhandlungen zwischen den USA und Iran lässt Händler abwarten. Diese Unsicherheit dürfte sehr bald beseitigt sein: Entweder finden die Gespräche statt und der vorläufige Waffenstillstand wird verlängert, oder sie finden nicht statt und die Ereignisse schlagen den Weg einer Eskalation ein.
Im ersten Fall dürfte die Risikobereitschaft an den Märkten und damit auch die Nachfrage nach dem Pfund zunehmen. Flammt der Konflikt im Nahen Osten hingegen erneut auf, rückt der als sicherer Hafen geltende US-Dollar wieder in den Vordergrund, und GBP/USD dürfte sich – insbesondere vor dem Hintergrund der schwachen Arbeitsmarktdaten – in Richtung der Untergrenze der 1,34er-Zone bewegen. In welche Richtung die Waage ausschlagen wird, werden wir sehr bald erfahren.