Öl (WTI): geopolitische Prämie erreicht neue Höchststände

Siehe auch: InstaForex Handelsindikatoren für WTI (CL)

Die globalen Ölpreise sind in der zweiten Sitzung in Folge weiter gestiegen und haben sich in der Nähe von Mehrmonatshochs eingependelt. In den frühen Stunden der europäischen Sitzung am Dienstag wurden Futures auf West Texas Intermediate (WTI) bei etwa 99,00–100,00 US-Dollar pro Barrel gehandelt, während der Referenzwert Brent die Marke von 104,00 US-Dollar überschritt. Der Hauptgrund für die Rally ist die anhaltende Blockade der Straße von Hormus, die den Zugang zum Weltmarkt um rund 14 Millionen Barrel pro Tag eingeschränkt hat, sowie das völlige Ausbleiben von Fortschritten in den Friedensgesprächen zwischen den USA und Iran.

Fundamentale Ausgangslage: physischer Mangel ersetzt Hoffnungen

Der Optimismus der letzten Woche über eine schnelle diplomatische Lösung hat sich verflüchtigt. Am Wochenende sagte der US-Präsident Donald Trump eine geplante Reise seiner Gesandten nach Pakistan ab und erklärte, dass Teherans neuer Vorschlag zwar „besser“ als der vorherige sei, aber immer noch „nicht gut genug“.

Das Weiße Haus bestätigte, dass es iranische Initiativen erörtert habe, zeigte jedoch keine Bereitschaft, sie anzunehmen. Iran wiederum knüpft Gespräche an die vorherige Aufhebung der Seeblockade, was eine Wiederaufnahme substanzieller Gespräche in naher Zukunft unwahrscheinlich macht. Für Händler ist nicht die Rhetorik entscheidend, sondern der physische Ölfluss – und dieser bleibt stark eingeschränkt, so Ölmarktanalysten.

Daten aus der Schiffsverfolgung und Schätzungen von Experten deuten darauf hin, dass seit Beginn des Konflikts rund 850 Millionen Barrel Öl faktisch vom Markt verschwunden sind. Bis zu 14 Millionen Barrel pro Tag passieren die Meerenge nicht, obwohl nach Beginn der Blockade ein Minimalverkehr aufrechterhalten wurde.

Neue Entwicklungen verschlechtern das Bild zusätzlich: Sechs iranische Tanker mussten wegen der US-Blockade umkehren, und nur eine Handvoll Schiffe – etwa ein LNG-Tanker aus den VAE – konnte die Meerenge passieren. Zudem wurde bekannt, dass Israel seine Angriffszone über den Libanon ausgeweitet hat, was das Risiko einer Ausweitung des Konflikts auf neue Regionen erhöht.

Dies hat die Erwartungen der Experten verändert: Die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Lieferungen im April hat sich nicht erfüllt, und eine mögliche Wiederöffnung der Meerenge wird inzwischen auf Mai–Juni verschoben, wobei mit einer nur allmählichen Erholung der Volumina gerechnet wird. Hinzu kommt, dass die niedrigen Lagerbestände und die Notwendigkeit, strategische Reserven wieder aufzufüllen, die Preise noch lange hoch halten werden – selbst nachdem der Schiffsverkehr wieder freigegeben ist.

Die physische Blockade hat die großen Investmentbanken dazu gezwungen, ihre Preisprognosen deutlich nach oben zu revidieren.

Neue Ölprognosen (quartalsweise, ausgewählte Banken)

Bank

Prognose für Brent (Q2 2026)

Prognose für WTI (Q2 2026)

Zentrale Annahmen

ING

104 USD/Barrel

98–100 USD/Barrel

Angebotserholung ab Mai

Citi (Basisszenario)

110 USD/Barrel

Erholung bis Ende Mai

Citi (bullisch)

150 USD/Barrel

Blockade dauert bis Ende Juni an

Goldman Sachs

90 USD/Barrel (Q4)

83 USD/Barrel (Q4)

Normalisierung bis Ende Juni

Wie die Tabelle zeigt, erwarten die Banken selbst in ihren Basisszenarien, dass Brent kurzfristig deutlich über 100 USD bleibt.

Citi skizziert beispielsweise ein „superbullishes“ Szenario mit Brent bei 150 USD, falls die Meerenge bis Ende Juni geschlossen bleibt, was Spitzenwerte früherer Energiekrisen widerspiegeln würde. Gleichzeitig merken die Analysten von Citi an, dass die aktuelle Rallye bislang relativ verhalten verlaufen ist: Die Preise sind nicht so stark gestiegen, wie einige erwartet hatten, weil der Markt zu lange auf eine schnelle diplomatische Lösung hoffte. Sobald der physische Mangel jedoch offensichtlich wird, könnte die Korrektur rasch ausfallen.

Kurze technische Analyse

Technisch bestätigt WTI einen starken Aufwärtsimpuls, der vor zwei Wochen begonnen hat.

Der Preis hat sich auf den 1‑Stunden‑, 4‑Stunden‑ und Tagescharts klar über der 50‑Perioden‑EMA (96,54, 94,63, 89,40 jeweils) geschlossen, was ein frühes Zeichen dafür ist, dass die Bullen kurzfristig die Kontrolle übernommen haben.

Der 14-tägige RSI bewegt sich im Bereich von 55–58 und signalisiert einen anhaltenden Aufwärtstrend, ohne Anzeichen einer überkauften Marktsituation. Das lässt Spielraum für weitere Kursgewinne.

Ein Ausbruch über die runde Marke von 100,00 dürfte den Weg zu neuen Hochs ebnen.

Kurz gesagt: Der Weg des geringsten Widerstands zeigt nach oben. Etwaige lokale Rücksetzer werden vom Markt als Kaufgelegenheiten vor der nächsten Aufwärtsbewegung betrachtet.

Wichtige Ereignisse

- 29. April: Abstimmung im US-Kongress über die „War Powers Resolution“ — könnte die Befugnisse der Regierung im Konflikt mit Iran einschränken oder ausweiten und dadurch für Volatilität sorgen.

- 29.–30. April: Sitzungen der Fed, der EZB und der Bank of England — Zinsentscheidungen werden den Dollar und die Aussichten für die weltweite Energienachfrage beeinflussen.

- Diese Woche: wöchentliche API- und EIA-Lagerbestandsberichte — es werden weitere Lagerabbauten in den USA erwartet, was die Preise stützen dürfte.

Fazit

Der Ölmarkt hat von der Hoffnung auf einen Waffenstillstand auf ein Regime realer physischer Knappheit umgeschaltet. Der diplomatische Prozess ist eingefroren, und Ökonomen rechnen nun frühestens Ende Mai, möglicherweise noch später, mit einer Rückkehr zu normalen Transportströmen durch die Straße von Hormus.

Ein technischer Ausbruch über die lokale Widerstandszone von 100,00–100,40 wäre ein starkes Signal für eine Fortsetzung der Rally und würde den Weg in den Bereich von 105,00–110,00 US-Dollar und darüber hinaus eröffnen.

Zugleich bleiben der Suezkanal, die Meerenge Bab-el-Mandeb und andere Routen verwundbar. Sollte sich der Konflikt auf wichtige saudische Schifffahrtsrouten ausweiten, könnten die Preise frühere Rekordstände übertreffen. Vorerst zeigt der Weg des geringsten Widerstands für WTI auf Niveaus oberhalb von 100,00 US-Dollar.