EUR/USD: Erholung in der Hoffnung

Siehe auch: InstaForex Handelsindikatoren für EUR/USD.

EUR/USD startete in die Woche mit einem deutlichen Aufwärts‑Gap und erholte sich von einem Sieben‑Wochen‑Tief im Bereich von 1,1575. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts konsolidieren sich die Notierungen in der Nähe eines kurzfristigen Widerstands bei 1,1642. Dies spiegelt ein Tauziehen zwischen zwei gegensätzlichen Einflussfaktoren wider: der Hoffnung auf ein Friedensabkommen zwischen den USA und Iran sowie fallenden Ölpreisen, die den Dollar schwächen, auf der einen Seite und den erwarteten restriktiven Fed‑Maßnahmen sowie schwachen Konjunkturdaten aus dem Euroraum, die das Aufwärtspotenzial des Euro begrenzen, auf der anderen Seite.

Fundamentales Bild: Stagflationsdilemma der EZB, Ölschock versus restriktive Fed

Die wichtigste Stütze für den Euro zu Wochenbeginn waren Berichte über Fortschritte in den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran. Präsident Donald Trump sagte, die Vereinbarung sei weitgehend ausgehandelt, und Außenminister Marco Rubio bezeichnete das mögliche Abkommen als ein recht starkes Angebot.

Medienberichten zufolge konzentrieren sich die Gespräche auf einen 60-tägigen Waffenstillstand, der die Wiedereröffnung der Straße von Hormus und das Räumen iranischer Minen im Gegenzug für Zugeständnisse der USA vorsieht. Diese Nachrichten ließen die Ölpreise deutlich fallen – WTI gab um rund 5 Prozent nach und rutschte unter 94 US-Dollar je Barrel –, was wiederum den Aufwertungsdruck auf den Dollar dämpfte.

Der Optimismus bleibt jedoch fragil. Trump warnte, dass jede Vereinbarung „großartig und bedeutsam“ sein müsse, sonst werde es keinen Deal geben, und er sagte, die Blockade der Meerenge werde nicht aufgehoben, bevor nicht ein formelles Abkommen unterzeichnet sei. Der Iran beharrt darauf, die Kontrolle über die Meerenge zu behalten.

Während die Geopolitik vorübergehend für positive Signale sorgt, wird das makroökonomische Umfeld zunehmend restriktiver. Die Inflationsdaten für April (VPI 3,8 % gegenüber dem Vorjahr; Erzeugerpreise 6,0 % gegenüber dem Vorjahr) führten zu einer deutlichen Neubewertung der Fed-Politik: Die Märkte sehen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von rund 55 Prozent für mindestens eine Zinserhöhung bis zum Jahresende.

Christopher Waller, Gouverneur der Philadelphia Fed, der bislang eher als vergleichsweise dovish galt, erklärte letzte Woche, er könne zukünftige Zinserhöhungen nicht länger ausschließen, falls die Inflation nicht bald zurückgehe. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh, der vergangene Woche vereidigt wurde, bevorzugt zur Beobachtung der Inflation getrimmte Mittelwertmaße, die derzeit unter dem Kern-PCE liegen und theoretisch Spielraum für Lockerungen lassen. Allerdings hat sich der Schwerpunkt im FOMC in Richtung einer neutraleren Haltung verschoben.

Der Euro bleibt anfällig für Stagflationsrisiken. Vorläufige PMI-Daten für den Mai für den Euroraum zeigten eine sich verschärfende Abschwächung: Der zusammengesetzte Index fiel auf 47,5, wobei der Dienstleistungssektor so stark schrumpfte wie seit Anfang 2021 nicht mehr.

S&P Global warnt, dass die Wirtschaft der Eurozone im zweiten Quartal um 0,2 % schrumpfen könnte, während die Inflation sich 4 % nähert; das Verbrauchervertrauen liegt auf dem niedrigsten Stand seit den pandemiebedingten Lockdowns.

Trotz schwachen Wachstums muss die EZB auf die Inflation reagieren. Mitglieder des EZB-Rats, darunter Martin Kocher aus Österreich, erklärten, die EZB werde die Zinsen voraussichtlich im nächsten Monat anheben, es sei denn, es kommt zu einem dauerhaften Frieden zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. Die Märkte preisen derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 90 % eine Zinserhöhung der EZB bei der Juni-Sitzung auf 2,25 % ein.

Zusammenfassung der Schlüsselfaktoren

- Verhandlungen USA–Iran (60 Tage): Vorübergehende Unterstützung. Fallende Ölpreise schwächen den Dollar, aber es gibt noch kein unterzeichnetes Abkommen.

- Fed-Zinserwartungen (über 50 %): Belastung. Eine restriktivere Neubewertung stützt den Dollar.

- Einkaufsmanagerindex (PMI) der Eurozone (gesamt 47,5): Belastung. Die Wirtschaft schrumpft; der Dienstleistungssektor befindet sich in einer Krise.

- EZB-Zinserwartungen (90 % für Juni): Unterstützung. Der restriktive Kurs begrenzt die Schwäche des Euro.

- Bevorstehender PCE (Donnerstag): Hohe Volatilität. Zentraler Inflationstest für den Dollar.

Technischer Überblick

EUR/USD entwickelt einen kurzfristigen Abwärtsimpuls. Solange das Währungspaar jedoch über den wichtigen Unterstützungszonen bei 1,1615 und dem Niveau der 200-Perioden-EMA (hier bei 1,1220) bleibt, befindet es sich in mittleren und langen Zeithorizonten weiterhin in einem übergeordneten Aufwärtstrend.

In der vergangenen Woche bildete das Paar ein Tief nahe 1,1575 und eröffnete heute mit einem bullischen Gap, wobei es auf starken Widerstand bei 1,1642 traf.

Wichtige technische Marken

- Widerstand: 1,1660–1,1675 — 144- und 50-Tage-EMAs sowie ein gebrochener April-Support; ein Ausbruch darüber würde den Weg in Richtung 1,1700–1,1720+ eröffnen

- Unterstützung: 1,1615 — 200-Tage-EMA

Momentum-Indikatoren

- Kurzfristig: Der RSI(14) auf den 1- und 4-Stunden-Charts liegt im Bereich von 56–61 und signalisiert zunehmenden Aufwärtsmomentum und eine Korrekturbewegung statt überkaufter Bedingungen.

- Täglich: RSI, OsMA und Stochastic verbleiben im bärischen Bereich und deuten auf anhaltenden übergeordneten Abwärtsdruck hin.

Wichtige Ereignisse in dieser Woche

- Donnerstag, 28. Mai — Rede von EZB-Präsidentin Christine Lagarde: mögliche Hinweise auf eine Zinserhöhung im Juni; ein „hawkisher“ Ton würde den Euro stützen.

- Donnerstag, 28. Mai — Veröffentlichung des US Kern-PCE: Marktkonsens bei rund 3,3 % im Jahresvergleich; ein Wert über dem Konsens würde die Erwartungen an eine „hawkishe“ Fed verstärken.

- Donnerstag, 28. Mai — Zweite Schätzung des US-BIP für das 1. Quartal: Prognose +2,3 %; stärkeres Wachstum würde den Dollar unterstützen.

- Donnerstag, 28. Mai — Verbrauchervertrauen und Industrieproduktion im Euroraum: Die Daten helfen, das Ausmaß des Abschwungs einzuschätzen.

- Wochenende — Fortsetzung der Verhandlungen zwischen den USA und Iran: der wichtigste geopolitische Trigger — entweder ein unterzeichnetes Abkommen oder eine erneute Eskalation.

Fazit

EUR/USD befindet sich am Schnittpunkt zweier Kräfte. Die Hoffnung auf ein begrenztes Abkommen zwischen den USA und Iran sowie fallende Ölpreise sorgen vorübergehend für Rückenwind für den Euro, indem sie die Stärke des Dollars dämpfen. Dem gegenüber steht eine „hawkishe“ Neubewertung der Fed-Politik (mehr als 50 % Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bis Jahresende) und die anhaltende Schwäche der Eurozonen-Wirtschaft (Services-PMI bei 46,4), was den Dollar stützt.

Die Zone 1,1642–1,1675 dürfte kurzfristig hart umkämpft sein. Ein technischer Ausbruch über 1,1680 würde den Weg zu 1,1700, 1,1720 und 1,1790 freimachen. Umgekehrt könnte ein Bruch der Unterstützung bei 1,1640 einen Rücklauf auf 1,1575 und anschließend 1,1525 auslösen.

Der Abwärtsdruck hat deutlich nachgelassen, doch eine bestätigte Trendwende erfordert zusätzliche Katalysatoren und einen nachhaltigen Schlusskurs oberhalb von 1,1675.

Marktteilnehmer sollten die Aussagen von Christine Lagarde, die Veröffentlichung des US-Kern-PCE am Donnerstag sowie die Entwicklungen in den Gesprächen zwischen den USA und Iran am Wochenende aufmerksam verfolgen. Die nächsten Tage dürften entscheidend für die weitere Richtung des Währungspaares sein.