Früher oder später hat alles seinen Preis. Gold musste das auf die harte Tour lernen: Der Kurs fiel von einem Rekordstand von 5.600 US-Dollar je Unze im Januar zurück und verlor dabei fast ein Fünftel seines Wertes. Auslöser der jüngsten Verkaufswelle war die Entscheidung des US-Finanzministeriums, die Sanktionsausnahme für iranisches Öl aufzuheben.
Der Schritt Washingtons erhöht automatisch das Risiko einer neuen Eskalationsrunde am Energiemarkt. Jede Erholung bei Brent könnte die Inflationserwartungen anheizen und die Fed davon überzeugen, die Zinsen länger auf einem erhöhten Niveau zu halten. Für Gold, das keine Zinsen abwirft, ist das ein klassischer Gegenwind. Die Aufwertung des US-Dollar, die solche Erwartungen in der Regel begleitet, macht das in Dollar notierte Metall zusätzlich unattraktiv.
Nach Einschätzung von ING bewegt sich das Edelmetall weitgehend im Einklang mit den sich verändernden Erwartungen an die Fed-Politik. Schwache Arbeitsmarktdaten dämpften die Sorge vor einer aggressiven geldpolitischen Straffung und ermöglichten es XAU/USD, sich über 4.000 US-Dollar zu stabilisieren. Die Anleger haben jedoch keinen Grund zur Eile beim Feiern – der Markt wartet auf das Protokoll der FOMC-Sitzung im Juni, das klarere Signale zum künftigen Zinskurs liefern könnte.
Dynamik der Goldkäufe durch Zentralbanken
Nicht alle Nachrichten für Gold sind negativ. Die People's Bank of China kaufte im vergangenen Monat 15 Tonnen Goldbarren – der größte monatliche Zukauf in diesem Jahr und die zwanzigste aufeinanderfolgende Aufstockung der offiziellen Reserven. Der World Gold Council weist darauf hin, dass die Zentralbanken im Mai wieder zu Käufen übergegangen sind, mit einem kumulierten Nettoanstieg der offiziellen Reserven um 41 Tonnen. Das reichte jedoch nicht aus, um die Kapitalflucht privater Investoren auszugleichen.
Seit Januar haben börsengehandelte Fonds, die von Bloomberg erfasst werden, fast 18 Milliarden US‑Dollar an Gold verloren. JP Morgan hat seine Prognose deutlich nach unten revidiert: Statt der zuvor erwarteten Zuflüsse von 400 Tonnen in globale ETFs rechnet die Bank nun bis Jahresende mit einem Nettoabfluss von 50 Tonnen. JP Morgan betont, dass sich an der langfristig positiven Einschätzung des Metalls nichts geändert hat – die Kombination aus Zinsniveau und makroökonomischen Rahmenbedingungen hält Gold nur vorübergehend in einer niedrigeren Handelsspanne.
Damit befindet sich XAU/USD zwischen der Unterstützung durch Zentralbanken und dem Druck durch die Zinserwartungen gegenüber der Fed sowie einem starken US‑Dollar. Der Übergang von Euphorie zu Ernüchterung ist lediglich eine Zwischenphase. Damit der Markt einen Boden findet und wieder steigen kann, muss die Rallye des US‑Dollar an Schwung verlieren, und das Debasement-Trade-Thema muss wieder in den Vordergrund rücken.
Meiner Ansicht nach werden die FOMC-Protokolle ein weiterer Test für Gold sein: Ein tauber Ton wird die Käufer zurückbringen, ein falkenhafter wird XAU/USD auf neue lokale Tiefs unter 4.000 $ drücken. Aus technischer Sicht würde im täglichen Gold-Chart ein Anstieg über 4.150 $ 1?2?3-Umkehrmuster und Wolfe-Wellen aktivieren und eine Grundlage für Käufe liefern. Solange die Kurse unter diesem Niveau bleiben, ist es sinnvoll, Verkäufen den Vorrang zu geben.