Der Preis für West Texas Intermediate (WTI) Rohöl verzeichnete am Donnerstag einen leichten Rückgang, blieb jedoch über dem 200-Tage-SMA. Diese Bewegung war auf Gewinnmitnahmen von Anlegern nach zwei aufeinanderfolgenden Gewinntagen zurückzuführen. Trotz des aktuellen Rückgangs bleibt der Abwärtsdruck begrenzt, da die anhaltenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten die Ölpreise weiter stützen.
Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran haben sich nach einer neuen Welle von US-Luftangriffen auf iranische Einrichtungen verschärft. Als Reaktion griff Teheran mehrere amerikanische Militärstützpunkte im Persischen Golf an und kündigte weitere Vergeltungsmaßnahmen an. Unterdessen erklärte der US-Präsident Donald Trump das Memorandum of Understanding mit Iran, das zur Deeskalation des Konfliktniveaus beitragen sollte, für ungültig, was neue Sorgen über eine mögliche Eskalation in der Region auslöste.
Die Märkte beobachten die Entwicklungen in der Straße von Hormus genau – einer Schlüsselpassage, durch die nahezu 20 % der weltweiten Ölversorgung transportiert werden. Anhaltende Drohungen Irans, diese strategische Route zu schließen, schüren Befürchtungen über mögliche Angebotsunterbrechungen, was wiederum den geopolitischen Risikoaufschlag in den Ölpreisen hochhält.
Analysten von ING sind der Ansicht, dass die zukünftige Entwicklung des Marktes weitgehend davon abhängen wird, ob Washington und Teheran die Spannungen rasch abbauen können. Die Bank wies außerdem darauf hin, dass das befristete Exportmoratorium Russlands für Diesel bis Ende Juli die Sorgen über die Versorgung mit Mineralölprodukten verstärkt und die Nachfrage nach Öl aus den USA zusätzlich anheizen könnte.
Zugleich geht Commerzbank davon aus, dass der Markt die Risiken für das globale Ölangebot wahrscheinlich unterschätzt hat. Die Bank argumentiert, dass die offensichtlichen Rückschläge in den Verhandlungen zwischen Washington und Teheran deutlich machen, dass der Konflikt noch lange nicht gelöst ist, was Investoren dazu veranlasst, den hohen geopolitischen Risikoaufschlag in den Energiepreisen neu zu bewerten.
Daten der Energy Information Administration (EIA), die am Mittwoch veröffentlicht wurden, zeigten, dass die kommerziellen Rohölvorräte in den USA in der Woche bis zum 3. Juli um 2,998 Millionen Barrel gestiegen sind. Dies war der erste Anstieg seit 11 Wochen und lag deutlich über den Prognosen der Analysten. Allerdings hatte dieser Bericht keinen nennenswerten Einfluss auf die Kursschwankungen, da sich die Händler weiterhin in erster Linie auf geopolitische Faktoren statt auf kurzfristige Veränderungen im Angebot konzentrieren.
Aus technischer Sicht versuchen die Preise, sich über dem 200-Tage-SMA zu halten, was den Bullen in die Hände spielt. Die Oszillatoren im Tageschart sind jedoch noch nicht in den negativen Bereich vorgedrungen, was den Vorteil der Bären am Markt bestätigt. Die runde Marke von 76,00 fungiert nun als Widerstand, während die Unterstützung durch den 200-Tage-SMA und knapp darunter durch den 9-Tage-EMA gegeben ist. Gelingt es den Preisen nicht, sich über diesen Niveaus zu behaupten, könnten sie wieder auf 69,00 und anschließend auf das Julitief zurückfallen.