Ein System bricht an seiner schwächsten Stelle. Bitcoin hatte sich lange über dem 200‑Wochen‑Durchschnitt gehalten – einer Schwelle, die technische Analysten traditionell mit dem Eintritt des Marktes in eine lang anhaltende „Bärenphase“ in Verbindung bringen. Die neue Runde von Spannungen zwischen den USA und Iran erwies sich als die Belastung, der diese Unterstützung nicht standhalten konnte.
Bitcoin-Entwicklung am 200‑Tage‑Durchschnitt
Zu Wochenbeginn, am 17. Juni, fiel BTC/USD während der asiatischen Handelssitzung um mehr als 2 % und rutschte wieder unter diese technische Marke. Auslöser waren neue US-Raketenangriffe auf den Iran am Wochenende – eine Fortsetzung des Zyklus aus Angriffen und Gegenangriffen, der sich leider zur Norm in der Region entwickelt hat. Wie so oft herrscht Uneinigkeit zwischen den Parteien darüber, ob die Straße von Hormus weiterhin für die Schifffahrt offen ist. Brent reagierte deutlich und sprang über 79 USD pro Barrel.
Steigende Ölpreise schüren erneut die Sorge vor einer beschleunigten US-Inflation und höheren Finanzierungskosten, was traditionell renditelose Risikoanlagen belastet. Bitcoin bildet hier keine Ausnahme. In dieser Woche richten sich die Blicke der Märkte auf den US-Verbraucherpreisbericht für Juni und die Anhörung von Fed-Chair Kevin Warsh vor dem Kongress. Eine höher als erwartete Teuerungsrate (CPI) würde die Erwartungen an eine straffere Geldpolitik bis zum Jahresende stärken und den digitalen Vermögenswert unter Druck setzen; schwächere Daten hingegen würden Warshs frühere Äußerungen über nachlassenden Inflationsdruck untermauern und den Bullen bei BTC/USD etwas Luft verschaffen.
Das Bild ist allerdings nicht einseitig. In der vergangenen Woche verzeichneten Spot-Bitcoin-ETFs erstmals seit neun Wochen einen Nettozufluss in Höhe von 197,4 Mio. USD. Der Kontrast ist deutlich: Im Juni flossen mehr als 4,5 Mrd. USD aus diesen Fonds ab – das schlechteste Monatsresultat seit ihrer Auflegung Anfang 2024. Tatsächlich notiert Bitcoin nach wie vor mehr als 50 % unter dem Oktober-Hoch von über 126.000 USD.
Es gibt jedoch Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Der Risikoindex von Glassnode fiel in der Woche bis zum 10. Juli von einem Hoch von 1 zu Monatsbeginn auf 0,56 – ein Wert, den das Unternehmen als ein „echtes Signal für rückläufiges Risiko“ bezeichnet. Der Markt reagierte zudem vergleichsweise gelassen auf den Verkauf von Bitcoin im Wert von 216 Mio. USD durch Michael Saylors Strategy – ein deutlich anderer Marktreaktion als einen Monat zuvor, als der erste Ausverkauf des Unternehmens seit 2022 BTC/USD stark unter Druck brachte.
Das Paradox ist offensichtlich: Geopolitik und Öl drücken Bitcoin nach unten, während strukturelle Signale darauf hindeuten, dass die Panik an Kraft verlieren könnte. Welche Kraft sich durchsetzt, hängt von der Marktreaktion auf die Inflationsdaten und vom Ton des neuen Fed-Vorsitzenden ab.
Aus technischer Sicht kehrt BTC/USD im Tageschart zu wichtigen Unterstützungszonen wie gleitenden Durchschnitten und dem fairen Wert zurück. Ein Rebound von 62.600 $ würde die Tür für neue Bitcoin-Käufe öffnen. Umgekehrt wäre ein klarer Bruch dieses wichtigen Niveaus ein Signal für das Eingehen von Short-Positionen.