Anleger begrüßten eine unerwartet niedrige Inflation für den Juni so begeistert, dass sie einen historischen Einbruch bei einer Tech‑Ikone weitgehend ignorierten. Der S&P 500, der Dow Jones und der Nasdaq Composite schlossen den Handelstag im Plus, obwohl IBM um rund 25 % einbrach und damit den stärksten Tagesverlust in der Unternehmensgeschichte verzeichnete.
Der gesamte Verbraucherpreisindex (CPI) stieg im Juni im Jahresvergleich um 3,5 % und lag damit unter den erwarteten 3,8 %. Die Kerninflation blieb im Wesentlichen unverändert, und der monatliche CPI ging zum ersten Mal seit sechs Jahren zurück. Die Futures reagierten unmittelbar: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durch die Fed bei der nächsten Sitzung fiel von 42 % auf 17 %.
Inflationsdynamik in den USA
Dennoch ist es zu früh, den Sieg über die Inflation zu verkünden. Fed-Chef Kevin Warsh sagte vor dem Kongress, dass ein einzelner guter Monat den Kampf gegen die Inflation nicht beende. Die militärischen Aktivitäten im Persischen Golf bergen weiterhin Aufwärtsrisiken für die Energiepreise, weshalb die Phase der geldpolitischen Straffung noch längst nicht als abgeschlossen gelten kann. Warsh vermied es bewusst, sich auf einen klaren künftigen Kurs festzulegen, bis weitere Daten vorliegen, und bewahrte sich damit die Handlungsoptionen der Fed.
Die Widerstandskraft der Märkte stützt sich jedoch nicht nur auf die Inflation. Die fünf größten US-Banken meldeten zusammen einen Anstieg der Quartalsgewinne um 39 %, begünstigt durch Handelserträge und Deals wie den SpaceX-IPO. Goldman Sachs, JPMorgan und Bank of America legten nach den Ergebnissen zu, während Wells Fargo und Citigroup zurückblieben.
Der Einbruch bei IBM ist hingegen kein gewöhnlicher Ausrutscher. Das Unternehmen warnte vor Schwäche im Software- und Infrastrukturbereich und räumte ein, sich nicht schnell genug an die veränderten Marktbedingungen angepasst zu haben. Der Ausverkauf löschte rund 69 Mrd. US-Dollar an Marktkapitalisierung aus und zog auch Aktien wie Accenture und ServiceNow nach unten. Nun stellt sich die Frage, ob dies ein frühes Warnsignal für den Corporate-Software-Sektor im KI-Zeitalter ist.
Fondsmanager sehen bereits Anlass zur Vorsicht, auch ohne IBM. Eine Umfrage von Bank of America unter Fondsmanagern zeigt, dass die Barmittelquote in den Portfolios auf extrem niedrige 3,6 % der Vermögenswerte gefallen ist, während die Übergewichtung in US-Aktien ein Hoch erreicht, das zuletzt im Dezember 2024 zu beobachten war. Der Bull-&-Bear-Indikator von BofA signalisiert extreme Zuversicht, was historisch als konträrer Hinweis gilt. 82 % der Befragten bezeichnen Long-Positionen in Chip-Herstellern als den am stärksten überlaufenen Trade, und fast die Hälfte sieht Verluste bei AI Hyperscalers als wahrscheinlichsten Black-Swan-Kandidaten.
Wie belastbar ist diese Ruhe?
Aus technischer Sicht zeigt der Tageschart, dass der S&P 500 eine Inside Bar ausgebildet hat. Ein Ausbruch über das Hoch bei 7.565 wäre ein Signal, Long-Positionen auszubauen. Umgekehrt wäre ein Rutsch unter das Tief bei 7.515 ein Hinweis, Short-Positionen einzugehen.