Der Markt setzt auf Gewinne

Der S&P 500 fiel um 0,1 % und verzeichnete damit den vierten Rückgang in fünf Sitzungen. Angesichts eines Kurssprungs bei Öl infolge der erneut aufgeflammten Spannungen zwischen den USA und Iran hielt sich das Minus jedoch überraschend in Grenzen. Während Meta Platforms und Microsoft den Magnificent-Seven-Korb um fast 1 % nach unten zogen, glich der Energiesektor einen Großteil des Belastungsfaktors aus dem Technologiesektor wieder aus. Der Markt balanciert derzeit geopolitische Risiken und Quartalszahlen – und bislang behalten die Zahlen die Oberhand.

Dynamik von S&P 500 und den Magnificent Seven

Anleger, die seit Wochen zusehen, wie die Indizes auf der Stelle treten, setzen ihre Hoffnungen auf die Berichtssaison. Bloomberg Intelligence verzeichnet einen Impuls bei den Prognosen, wie es ihn seit 2011 nicht mehr gegeben hat: Deutlich mehr Unternehmen heben ihre Prognosen an, als sie zu senken. Für die Gewinne im S&P 500 wird im zweiten Quartal ein Anstieg um 26 % erwartet, und die Deutsche Bank rechnet sogar mit bis zu 29 %. Zum Vergleich: Das durchschnittliche jährliche Gewinnwachstum je Aktie (EPS) lag in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei rund 7,8 %.

Diese ungewöhnlichen Werte sind nicht ausschließlich eine KI-Geschichte. An der Wall Street wird argumentiert, dass auch eine Erholung in Sektoren außerhalb von Chips und Rechenzentren, die im vergangenen Jahr unter Handelskonflikten litten, dazu beiträgt. Bloomberg Intelligence erwartet, dass im dritten Quartal jeder Sektor des S&P 500 ein Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahreszeitraum ausweisen wird – der erste derart breit angelegte Aufschwung seit 2021.

Dynamik der Gewinnschätzungsanpassungen

Gleichzeitig liegt die Beweislast nun eindeutig bei den Managementteams der großen Tech-Konzerne. Nach wochenlangen Verkäufen im Bereich Big Tech verlangen Investoren jetzt Renditen auf das eingesetzte Kapital – nicht nur ambitionierte Roadmaps. Künftige Gewinnsignale werden genau geprüft: Werden die Hunderte von Milliarden, die in Data Centers gesteckt werden, angemessene Renditen abwerfen, oder werden die Skeptiker einer AI-Bubble am Ende recht behalten?

UBS bleibt hinsichtlich der AI-Wachstumsstory positiv gestimmt, empfiehlt jedoch eine ausgewogene Positionierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Halbleiterherstellern bis hin zu defensiven Sektoren – und betont die Notwendigkeit einer Diversifikation über AI hinaus.

Inzwischen haben Investoren ihre Aktienquoten bereits so weit reduziert, dass selbst moderat positive Überraschungen eine neue Kaufwelle auslösen könnten. Diese komprimierte Nachfrage-„Feder“, kombiniert mit starken Unternehmensgewinnen und einem Rekordimpuls bei den Prognosen, bildet das Fundament für die Rally, auf die die Märkte gewartet haben.

Werden die Unternehmensgewinne stark genug sein, um die Sorgen über den Krieg im Nahen Osten und die Zweifel an der Monetarisierung von KI auszugleichen? Die Zeit wird es zeigen.

Aus technischer Sicht zeigt das Tageschart, dass sich der S&P 500 in einer Spanne von 7.430 bis 7.580 Punkten konsolidiert. Ein Ausbruch über das obere Ende dieser Spanne wäre ein Kaufsignal, während ein Rutsch unter die Untergrenze ein Anlass wäre, den breiten Index zu verkaufen.