Ein Hauch von Deeskalation im Nahen Osten reichte aus, um den S&P 500 aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken: Der breite Index rückte bis auf Armlänge an sein Allzeithoch heran, der Nasdaq Composite legte um mehr als 2 % zu, und der Dow Jones verbuchte seinen 22. Rekordschluss des Jahres – das erste neue Hoch seit einem Monat.
Entwicklung der US-Aktienindizes
Der formale Auslöser für die Rally war die Bemerkung des US-Präsidenten Donald Trump, er habe einen groß angelegten Schlag gegen den Iran abgesagt, um Verhandlungen eine Chance zu geben. Teheran dementierte umgehend, dass Gespräche mit Washington geplant seien, doch die Investoren kauften zunächst die Hoffnung und sezierten die Details später. Brent reagierte erwartungsgemäß und brach in der Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Transits durch die Straße von Hormus um fast 5 % ein.
Die tiefere Ursache liegt jedoch im Inneren des Aktienmarkts. Laut Dow Jones Market Data legten die Magnificent Seven Mega-Caps an einem einzigen Tag um 678,3 Mrd. US-Dollar an Marktkapitalisierung zu und um 1,09 Bio. US-Dollar innerhalb von zwei Tagen. Die Summe von 1,77 Bio. US-Dollar über drei Tage war ein Rekord für diese Gruppe. Die Berichtssaison trug dazu bei: Die Gewinne im S&P 500 liegen rund 29 % höher als im Vorjahr, und 86 % der Indexmitglieder übertrafen die Schätzungen der Wall Street – die beste Quote seit fünf Jahren, wie Bloomberg Intelligence berichtet.
Citadel Securities argumentiert, dass die Kräfte, die US-Aktien auf Rekordstände getrieben haben, auch nach einem von Privatanlegern ausgelösten spekulativen Reset weiterhin „intakt“ seien. Der Markt wandelt sich von einem flowgetriebenen Umfeld zu einem, in dem Gewinne, Unternehmensnachfrage und makroökonomische Fundamentaldaten stärker ins Gewicht fallen. Die Bewertungen wirken attraktiver, und Aktienrückkäufe dürften sich beschleunigen, sobald die Blackout-Phasen enden.
Dynamik von S&P 500 und Momentum-Basket
Morgan Stanley sieht derzeit eine Stilrotation im Gange. Nach einem der heftigsten Momentum-Abverkäufe der Geschichte fließt Kapital aus Chipherstellern ab und in sogenannte Quality-Werte mit stabilen Ertragsentwicklungen wie etwa Versicherer und Hersteller von Medizintechnik. Der Goldman Sachs Momentum Basket ist dabei aufschlussreich: Er ist seit seinem Hoch im Juni um 35 % gefallen, liegt aber seit Jahresbeginn immer noch mit rund 9,4 % im Plus und damit in etwa im Einklang mit dem S&P 500.
Es ergibt sich also ein interessantes Bild: Die Leitindizes wirken gelassen, während sich darunter ein regelrechter Sturm an Führungswechseln abspielt. Die Frage ist, ob die Iran?US-Pause den Anlegern einen tragfähigen Grund zur Zuversicht geliefert hat – oder nur eine vorübergehende Atempause.
Aus technischer Sicht zeigt der Tageschart, dass sich der S&P 500 in Reichweite seiner Rekordhochs befindet. Ein bestätigter Ausbruch über 7.620 würde es rechtfertigen, die zuvor aufgebauten Long-Positionen aufzustocken. Die Aufwärtsziele liegen weiterhin bei 7.670 und 7.870.