Die Bewertungslücke zwischen Aktien aus Schwellenländern und US-Aktien hat sich auf ein 20-Jahres-Hoch ausgeweitet, berichtet Bloomberg.
Der MSCI Emerging Markets Index wird derzeit mit einem erwarteten KGV von 9,9 gehandelt, während der S&P 500 über 20 liegt. Das entspricht einem Abschlag von grob 40–50%. Historisch lag diese Lücke im Durchschnitt bei etwa 25–28%.
Die Gründe liegen auf der Hand: eine kräftige Rallye bei US-Unternehmen mit Bezug zu KI sowie die chronische Underperformance von China und Hongkong. Zusammen machen diese beiden Märkte mehr als ein Fünftel des MSCI EM aus.
Einige Märkte weisen auffallend niedrige Multiplikatoren auf. Die Türkei kommt beispielsweise nur auf ein KGV von 4. Brasilien liegt bei 8,2. Argentinien bei 8,6. Die Philippinen bei 9,5. Dubai liegt bei 9,4. Zum Vergleich: Die Technologiesektoren von Taiwan, Indien und Hongkong werden auf Basis des erwarteten Gewinns mit KGVs von rund 17–18 gehandelt.
„Es reicht zu sagen, dass der US-Index historisch teuer und stark konzentriert wirkt“, sagt James Etay von Marlborough Investment Management. Seiner Ansicht nach ist der Kauf des MSCI EM eine Möglichkeit, sich vom US-Markt zu diversifizieren.
Der diesjährige Anstieg des MSCI EM um 19% wurde weitgehend von KI-nahen Unternehmen getragen: SK Hynix und Samsung in Südkorea sowie Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. Seit Ende Februar jedoch, nach dem Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten, hat der breite Schwellenländerindex nur noch um 3% zugelegt, während der S&P 500 um 13% gestiegen ist.
Etay sagt, er meide volatile asiatische Technologiewerte und bevorzuge Lateinamerika, wo er mehr Wertpotenzial und günstigere wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen auf mittlere Sicht sieht.
Während die Rallye der AI-Technologie zusehends nervöser wird und der Retail-Leverage in Südkorea zurückgeht, suchen Anleger aktiver nach Märkten außerhalb des AI-Sektors. Indien rückt wieder in den Fokus der Fondsmanager: Seit Jahresbeginn hat der Sensex in US-Dollar gerechnet 13 % verloren. Indien gilt nun als Wachstumsstory und als möglicher Hedge gegen AI-bezogene Risiken.
In China haben angebotsseitige Schocks im Zusammenhang mit dem Krieg mit Iran eine Phase der Deflation bei Erzeugerpreisen beendet. Eine anhaltende Erholung der Konsumnachfrage könnte Kapital von jenen anziehen, die sich stärker von US-Aktien diversifizieren wollen.
Dennoch ist Vorsicht angebracht: Bewertungslücken dieses Ausmaßes können jahrelang bestehen bleiben und sich möglicherweise nie schließen. Den richtigen Zeitpunkt einer Neubewertung zu treffen, ist keine leichte Aufgabe.