Der Aktienmarkt schläft nur mit einem Auge

Schweigen ist ebenfalls eine Antwort, und zum zweiten Mal in Folge erleben US-Investoren dies nun aus erster Hand. Die großen US‑Indizes geben nach, während Öl dagegen zulegt: Brent näherte sich 90 US‑Dollar pro Barrel, nachdem Iran seine Absicht bekräftigt hatte, die Straße von Hormus so lange geschlossen zu halten, bis seine Forderungen erfüllt sind.

Entwicklung von S&P 500 und Öl

Der Markt ist offenkundig enttäuscht. Vor einer Woche reagierte er noch begeistert auf die Aussicht auf eine rasche Einigung in der Meerenge, doch seither sind keine Fortschritte erkennbar. Pakistan schürte kurzzeitig die Hoffnung der Anleger mit Optimismus über eine Einigung, doch Teheran kühlte diese Stimmung schnell wieder ab. Hinzu kommt die Unsicherheit über die nächsten Schritte der Fed und die anhaltende Konfrontation zwischen den USA und Iran – und so entsteht ein Markt, der, wie Spötter treffend bemerken, einem Sandkasten gleicht: Hier schläft man mit einem Auge offen und hält das Kopfkissen fest umklammert.

Ganz trüb ist das Bild jedoch nicht. Die Unternehmensgewinne übertreffen weiterhin die Erwartungen und bewegen sich auf Rekordniveaus, während die Aktienpositionierung erstaunlich zurückhaltend bleibt. Nach Angaben der American Association of Individual Investors haben Bären in 20 der letzten 25 Wochen die Bullen übertroffen – ein Verhältnis, das zuletzt nach der Einführung globaler Zölle durch Donald Trump zu beobachten war. Eine derart einhellige Skepsis ist in der Vergangenheit häufig eher einem weiteren Kursanstieg vorausgegangen als dessen Ende – eine gesunde Vorsicht nach einem Anstieg des S&P 500 um 22 % seit Ende März.

US-Inflationsdynamik

Die eigentliche Bewährungsprobe steht jedoch noch bevor. Am Mittwoch wird der Verbraucherpreisindex (CPI) für Juli veröffentlicht. Der Markt rechnet nach einem Rückgang um 0,4 % im Vormonat mit einem Anstieg von 0,1 %. Volkswirte von Bloomberg gehen davon aus, dass die Kerninflation auf den niedrigsten Stand seit März 2021 fallen könnte. Montis Financial erwartet, dass der Bericht den Abwärtstrend bestätigt und das Argument für eine Zinspause statt einer Zinserhöhung stärkt – zumal die jüngsten Arbeitsmarktdaten aus den USA schwach ausgefallen sind.

Interactive Brokers warnt jedoch, dass Makrodaten allein möglicherweise nicht ausreichen. Die Aktienrally dürfte sich nur dann fortsetzen, wenn es greifbare Fortschritte bei der Entspannung der Lage in der Straße von Hormus gibt.

Faktisch balanciert der Markt derzeit zwischen soliden Unternehmensfundamentaldaten und steigenden Gewinnen auf der einen Seite sowie geopolitischer Unsicherheit und einer gespaltenen Fed auf der anderen. Die Risiken erscheinen in etwa ausgewogen, während das Gespenst weiterer Zinserhöhungen und einer militärischen Eskalation im Nahen Osten weiterhin präsent ist.

Wird der Inflationsbericht ausreichen, um die Sorgen um die Straße von Hormus zu überwiegen?

Aus technischer Sicht hat der S&P 500 Index im Tageschart das wichtige Pivot-Niveau von 7.730 getestet. Ein Erfolg der Bären bei diesem Vorhaben würde eine Grundlage für Verkäufe schaffen, da dies das Risiko der Aktivierung eines 1-2-3-Umkehrmusters erhöhen würde. Umgekehrt würde ein Abprall vom zentralen Unterstützungsniveau ermöglichen, bestehende Long-Positionen weiter aufzustocken.