Aktienmarkt gibt sich gelassen

Die Ruhe vor dem Sturm ist trügerisch: Während die US-Aktienindizes auf der Stelle treten, braut sich am Horizont bereits ein Sturm zusammen. Der Beginn der letzten vollen Augustwoche hat das bestätigt.

Nvidia-Dynamik

Der S&P 500 und der Nasdaq 100 gaben nach, während nur der industrielle Dow Jones im positiven Bereich blieb. Chip-Hersteller waren die Hauptverantwortlichen: Der KI-Sektor setzte seinen uneinheitlichen Kurs im Vorfeld der Nvidia-Zahlen am Mittwoch fort. Die Aktie des Unternehmens fiel bereits den siebten Tag in Folge – die längste Verlustserie seit 2022 – und liegt über diesen Zeitraum rund 7,5% im Minus. Nvidia ist heute die meistgehandelte Aktie sowohl im S&P 500 als auch im Nasdaq 100. Ihr Rückgang allein kostete den Dow Jones fast 37 Punkte.

Der Markt reagierte kaum auf den geopolitischen Lärm. Das US-Finanzministerium kündigte Sanktionen gegen mehr als 60 Unternehmen und Einzelpersonen mit Bezug zu Iran an und sprach von einem „wirtschaftlichen D‑Day“. Nach Einschätzung von Rystad Energy war die Rhetorik jedoch deutlich lauter als der tatsächliche Gehalt. Es handelt sich nicht um eine neue wirtschaftliche Waffe, sondern um eine Ausweitung eines bereits bestehenden Sanktionsregimes.

Unterdessen versprach Donald Trump, ab Januar Zölle von 50% auf kanadische Autos zu erheben, und Premierminister Mark Carney drohte mit einer spiegelbildlichen Reaktion. Dennoch, wie JonesTrading feststellt, sind Händler aus dem Alter heraus, sich von solchen Schlagzeilen einschüchtern zu lassen. Große Ankündigungen werden allzu oft wieder zurückgenommen, und der Markt zieht es vor, sie zu ignorieren.

Entwicklung von S&P 500 und Ölpreisen

Das eigentliche Risiko für Aktien sind nicht die Zölle, sondern das Fass. Brent ist seit Anfang Juli um rund 30 % gestiegen und notiert angesichts des Konflikts im Nahen Osten über 90 US‑Dollar. Morgan Stanley sieht die Ölhausse als die Hauptbedrohung für US‑Aktien: Ein weiterer Sprung der Ölpreise würde die Renditen von US‑Staatsanleihen nach oben treiben und die Fed zu einem aggressiveren Kurs zwingen, als es der Markt erwartet. Die Bank betont eine Asymmetrie – Aktien verlieren bei teurem Brent mehr, als sie bei billigem Öl gewinnen – und empfiehlt den Energiesektor als Absicherung.

Anleger beobachten daher zwei Kennzahlen: das Brent‑Fass und den Bericht von Nvidia. Die erste wird den Verlauf der Zinsen bestimmen; der zweite das Schicksal der gesamten KI‑Tech‑Rally. Die Rendite 30‑jähriger US‑Staatsanleihen hat bereits Niveaus erreicht, die nahe an 20‑Jahres‑Hochs liegen, was das US‑Finanzministerium dazu zwingt, seine Anleiherückkäufe hochzufahren. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Anleihemarkt nervöser ist als der Aktienmarkt.

Im S&P 500 ist eine deutliche Divergenz zu erkennen: Der Halbleitersektor verliert an Höhe, während der breite Index von Zyklikern und Energieunternehmen gestützt wird. Eine solche Entkopplung hält selten lange an – früher oder später bewegen sich Chips und der Gesamtmarkt wieder in dieselbe Richtung.

Kann der S&P 500 einem gleichzeitigen Treffer von beiden Seiten standhalten, oder wird die Illusion der Ruhe bis Mittwochabend verflogen sein?

Technisch gesehen hat sich auf dem Tageschart des S&P 500 eine Inside-Bar-Formation ausgebildet, die es Anlegern ermöglichte, Short-Positionen ab dem Niveau von 7.655 auszubauen. Infolgedessen steigen die Risiken einer Korrektur auf 7.545 und 7.465.