Das Währungspaar EUR/USD hat die neue Handelswoche recht ruhig begonnen, ohne Abwärts-Gap oder starke Einbrüche. Das wirkt unerwartet, angesichts der Bedeutung der Ereignisse vom Freitag und der neuen Eskalation im Nahen Osten. Zudem versuchen die Käufer von EUR/USD derzeit, die Initiative zu übernehmen und halten das Paar oberhalb der wichtigen Unterstützungsmarke von 1,1580 (mittlere Linie der Bollinger Bänder in den Zeitrahmen D1 und W1).
All dies deutet darauf hin, dass die geopolitische Agenda – zumindest in ihrer aktuellen Ausprägung – keinen entscheidenden Einfluss mehr auf die Dynamik des Greenback und damit auf das Währungspaar EUR/USD ausüben kann.
Am Sonntag griffen die Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit Ende Juli Ziele im Iran an, woraufhin Teheran US-Stützpunkte in Jordanien attackierte. Medienberichten zufolge nahmen amerikanische Streitkräfte auf der im Golf von Hormus gelegenen Insel Larak zwei Raketenstellungen unter Beschuss. Washington erklärte, das iranische Militär habe beabsichtigt, diese Raketen einzusetzen, um die Schifffahrt zu stören. Fast unmittelbar darauf reagierte Teheran mit Angriffen auf amerikanische Einrichtungen in Jordanien.
Damit tauschten die Konfliktparteien erneut Schläge aus – diesmal erneut im strategisch bedeutenden Golf von Hormus. Man könnte erwarten, dass ein solches Szenario die Nachfrage nach dem US‑Dollar als traditionellem „sicheren Hafen“ kräftig anheizen würde. Am Devisenmarkt, gemessen an der Entwicklung von EUR/USD, zeigt sich jedoch kaum eine entsprechende Reaktion. Deutlich klarer fiel hingegen die Reaktion am Ölmarkt aus: Der Brent-Preis legte zeitweise fast 5 % zu und überschritt die psychologisch wichtige Marke von 90 US‑Dollar. Angesichts der großen Bedeutung des Golfs von Hormus für den Transport des „schwarzen Goldes“ ist dies gut nachvollziehbar.
Das Währungspaar EUR/USD hingegen zeigt sich deutlich widerstandsfähiger gegenüber Belastungen. Meiner Ansicht nach liegt das vor allem an unterschiedlichen Interpretationen der laufenden Ereignisse. Der Ölmarkt reagiert unmittelbar auf die Gefahr von Lieferunterbrechungen, während der Devisenmarkt versucht, die Perspektiven des Konfliktverlaufs zu bewerten. Bislang nehmen Marktteilnehmer den Schlagabtausch als weiteres Druckmittel wahr – als ein „Hochschrauben der Einsätze“ und Verhandlungstaktik im Vorfeld möglicher indirekter Gespräche über Vermittler. Zudem ist der diplomatische Kanal nicht vollständig verschlossen, und die aktuelle Eskalation bleibt in gewisser Weise begrenzt.
Hinzu kommt ein weiterer potenzieller Belastungsfaktor für den Greenback, der nichts mit Geopolitik zu tun hat. In den kommenden Tagen werden in den USA wichtige Konjunkturdaten veröffentlicht, die die Erwartungen hinsichtlich der weiteren Schritte der Federal Reserve spürbar verändern könnten. Dazu zählen die ISM‑Indizes (zuerst für das Verarbeitende Gewerbe, anschließend für den Dienstleistungssektor), die JOLTS‑Daten, der ADP‑Bericht und schließlich die NFP‑Zahlen.
Angesichts der jüngsten Entwicklungen könnte der US‑Arbeitsmarkt zum zentralen Belastungstest für den Dollar werden. Sollten die Nonfarm Payrolls für August den Kurs des Juli-Berichts bestätigen (damals wurde ein Beschäftigungsrückgang um 23.000 Stellen und ein Rückgang der Erwerbsquote verzeichnet), dürfte der Greenback erheblich unter Druck geraten – selbst trotz der unerwartet falkenhaften Rede von Kevin Warsh beim Jackson‑Hole‑Treffen am Freitag.
Warsh hat einerseits die anhaltenden Inflationsrisiken betont und damit die Erwartungen in Richtung eines eher straffen Kurses der Notenbank verstärkt. Gleichzeitig gab es jedoch eine wichtige Einschränkung. Er stellte klar, dass „alle Optionen auf dem Tisch“ liegen und die endgültigen Beschlüsse von den hereinkommenden Daten abhängen werden.
Diese Einschränkung ist entscheidend: Sollten die Nonfarm Payrolls erneut eine Abkühlung am Arbeitsmarkt signalisieren und die ISM‑Indizes zugleich erste Anzeichen einer nachlassenden Geschäftstätigkeit zeigen, könnte Warshs Rhetorik vom Freitag letztlich gegen den Greenback wirken.
Faktisch hat der Fed‑Chef die Tür für alle Szenarien offengelassen und betont, dass die künftigen Entscheidungen der Notenbank vollständig von den konjunkturellen Daten abhängen. Betrachtet man ausschließlich die Inflationskomponente, spricht diese Aussage tatsächlich eher für den Dollar: Anhaltender Preisdruck liefert starke Argumente für eine straffere Geldpolitik. Kommen jedoch schwächere Arbeitsmarktdaten und Hinweise auf eine nachlassende Wirtschaftsdynamik hinzu, verschiebt sich die Risikobalance in die entgegengesetzte Richtung. In diesem Fall würden die Daten nicht nur die Notwendigkeit der Inflationsbekämpfung unterstreichen, sondern auch die Pflicht, Risiken für Beschäftigung und Wachstum zu berücksichtigen.
All dies deutet darauf hin, dass das bärische Szenario für das Währungspaar EUR/USD klar ins Stocken geraten ist. Der sprunghafte Anstieg der geopolitischen Spannungen hat dem Dollar nicht geholfen. Im Gegenteil: Die Ambivalenz von Warshs Aussagen und die anstehenden wichtigen Konjunkturveröffentlichungen setzen den Greenback leicht unter Druck und geben den Käufern die Chance zu einem Gegenangriff. Die zentrale Unterstützungszone für EUR/USD liegt weiterhin bei 1,1580 (mittlere Linie der Bollinger‑Bänder sowohl im Tages‑ als auch im Wochendiagramm): Solange sich das Paar oberhalb dieses Niveaus hält, bleibt das bärische Szenario unbestätigt. Entsprechend sollten Short‑Positionen erst nach einem klaren Durchbruch unter diese Marke in Erwägung gezogen werden. Andernfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass EUR/USD in die Spanne von 1,1640–1,1680 zurückkehrt, in der sich das Paar nahezu die gesamte zurückliegende Woche bewegt hat.