Euro steigt dank der Panik anderer

Ein starker US-Arbeitsmarkt, steigende Ölpreise und eine politische Krise in Deutschland – nach allen Regeln des Genres hätte der EUR/USD fallen müssen. Stattdessen ist er gestiegen. Das Währungspaar klammert sich an den beschleunigten Anstieg der europäischen Anleiherenditen und liest darin ein Signal, dass die Europäische Zentralbank eine Straffung der Geldpolitik vorbereitet. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen ganz gewöhnlichen Ausverkauf von Schuldtiteln – ein negativer Faktor für den Euro, der sich früher oder später bemerkbar machen wird.

Dynamik der Anleiherenditen

Das Ausmaß des Ausverkaufs lässt keine Illusionen zu. Die langfristigen Finanzierungskosten für Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich sind im vergangenen Monat unter den G7-Ländern am stärksten gestiegen, und die Renditen haben Mehrjahreshochs erreicht. Nicht einmal der traditionelle regionale sichere Hafen – Deutschland – blieb verschont. Anleger verlangen nun den höchsten Aufschlag auf seine 30-jährigen Anleihen seit 2011.

Energie ist der Treibstoff für den Ausverkauf. Die Gaspreise sind seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten um mehr als 120 % gestiegen und erreichten in der vergangenen Woche ein Drei-Jahres-Hoch. Angesichts der bereits enormen Belastung der öffentlichen Haushalte versetzt ein neuer Energieschock Anleihehalter weit mehr in Schrecken, als er potenzielle "Falken" in der EZB erfreut.

Ergebnis der Regionalwahl in Deutschland

Die Politik trägt zur Nervosität bei. Die rechtsgerichtete Alternative für Deutschland hat bei der Wahl in Sachsen-Anhalt mit 44 % ihr bislang bestes Ergebnis erzielt. Sie kam damit einer absoluten Mehrheit nahe, was den Weg für die erste rechtsextreme Regionalregierung seit dem Zweiten Weltkrieg ebnen könnte. Die Zustimmungswerte von Kanzler Friedrich Merz sind auf ein Rekordtief von 15 % gefallen; Parteifunktionäre machen ihn offen dafür verantwortlich, und Gerüchte über einen möglichen Austausch werden lauter. Zwei weitere Regionalwahlen stehen bevor. Der Markt wird Grund zur Sorge haben.

Die Schlagzeilen vom Ölmarkt tragen nicht zur Zuversicht für EUR/USD bei. Goldman Sachs schätzt, dass der Brent-Preis auf bis zu 120 US-Dollar je Barrel springen könnte, falls die Angriffe auf die Schifffahrt in der Straße von Hormus weiter eskalieren. Die USA greifen iranische Tanker an, Teheran erklärt neue Sperrzonen, und die US-Flotte blockiert iranische Häfen. Das Alternativszenario der Bank fällt ruhiger aus — 80 US-Dollar, falls sich die Exporte aus der Region normalisieren. Iran setzt seine eigene Akzentuierung: Das Land erklärt, ein Abkommen mit Oman zur Regelung des Verkehrs durch die Meerenge stehe kurz vor dem Abschluss, was Teherans Kontrolle über die Wasserstraße stärken könnte. Wie wird Washington reagieren?

So oder so beruht die EUR/USD-Rally nicht auf echtem Vertrauen in die hawkishen Aussagen der EZB, sondern auf einer Fehlinterpretation der Signale vom europäischen Anleihemarkt. Wie lange werden Anleger noch einen Ausverkauf mit geldpolitischer Straffung verwechseln?

Aus technischer Sicht nähert sich EUR/USD im Tageschart der oberen Begrenzung der Konsolidierungsspanne bei 1,158–1,164. Ein Ausbruch würde eine Wiederaufnahme des Aufwärtstrends nicht garantieren. Im Gegenteil: Eine Rückkehr des Euro in den Handelskanal oder eine Abweisung von 1,166 wären Verkaufssignale.