Das Währungspaar EUR/JPY fällt bereits die zweite Woche in Folge deutlich. Hatten die Käufer in der vergangenen Woche noch ein lokales Hoch bei 185,70 markiert, drückten die Verkäufer den Kurs am Dienstag auf 177,80 und erreichten damit ein 10-Monats-Tief. Innerhalb von weniger als zwei Wochen verlor das Cross im Zuge des Abwärtstrends nahezu 800 Pips. Die Art der Kursbewegung spricht weniger für eine technische Korrektur nach einem längeren Anstieg als vielmehr für eine umfassende Neubewertung der geldpolitischen Erwartungen zugunsten der japanischen Währung.
Der Auslöser für den Rückgang von EUR/JPY war ein deutlicher Anstieg der Erwartungen an weitere, restriktivere Maßnahmen der Bank of Japan. Unerwartet „hawkische“ Äußerungen des Wirtschaftsberaters des Premierministers, Takuji Aida, verliehen dem Yen kräftigen Auftrieb. Aida galt bislang als einer der zurückhaltenderen Befürworter von Zinserhöhungen, verlegte seine Prognose für den nächsten Schritt jedoch von Januar 2027 auf bereits diesen September. Zudem stellte er eine weitere Straffungsrunde bei einer der drei darauffolgenden BOJ-Sitzungen (voraussichtlich im Dezember oder Januar) in Aussicht.
Dies ist ein wichtiges Signal dafür, dass selbst in traditionell eher „dovish“ geprägten politischen Kreisen das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer strafferen Geldpolitik wächst – vor dem Hintergrund anhaltender Inflationsrisiken und Yen-Schwäche. Aidas Einschätzung wiegt umso schwerer, als er nicht nur Fachmann, sondern wirtschaftspolitischer Berater des Regierungschefs ist.
Auch von BOJ-Gouverneur Kazuo Ueda kamen restriktive Signale: Ende August machte er deutlich, dass die Zentralbank bereit ist, eine Zinserhöhung zu prüfen. Vizegouverneur Ryozo Himino hob ebenfalls die Inflationsrisiken hervor, und Ratsmitglied Hajime Takada sprach sich dafür aus, von einem „zu mechanischen“ Normalisierungspfad abzurücken und stattdessen ein „flexibleres“ Tempo zu wählen, das stärker an die Preisentwicklung gekoppelt ist (bemerkenswert ist, dass Takada im Juli als einziges Ratsmitglied für einen Zinsschritt um 25 Basispunkte gestimmt hatte).
Begleitet wurde dies von einer Beschleunigung der Teuerung in der Hauptstadt. Der Kern-Verbraucherpreisindex von Tokio (ohne frische Lebensmittel) stieg im August um 1,8 % gegenüber dem Vorjahr (nach 1,7 % im Juli). Der gesamte Verbraucherpreisindex für Tokio kletterte im August auf 1,9 % (nach 1,8 % im Juli). Da die Teuerung in Tokio der landesweiten Inflation vorläuft und als Frühindikator für Japan gilt, weist die anhaltende Preissteigerung in der Hauptstadt auf eine Annäherung an das 2,0 %-Ziel der BOJ hin.
Den entscheidenden zusätzlichen Impuls lieferten die Lohndaten. Im Juli stiegen die Löhne um 2,4 % gegenüber dem Vorjahr und lagen damit deutlich über der Prognose von 1,8 % – der höchste Wert seit Mai 2021. Der Indikator zeigt seit sieben Monaten einen stabilen Aufwärtstrend. Die gesamten Barverdienste erhöhten sich um 4,7 % und verzeichneten damit den stärksten Anstieg seit Januar 1997, nach revidierten 4,0 % im Juni. Die Kernlöhne beschleunigten sich ebenfalls auf 4,1 %. Kurz gesagt: Es bildet sich eine recht robuste Kette „Löhne – Konsum – Inflation“ heraus – eine Dynamik, die die BOJ sehr genau beobachtet.
In der Summe haben diese Signale die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, dass sich die BOJ nicht auf eine einmalige Erhöhung im September beschränkt. Der Markt preist eine weitere Normalisierung der Geldpolitik zunehmend ein – möglicherweise schon bis zum Jahresende. Für den Yen ist dies von zentraler Bedeutung, denn eine Neubewertung der Zinspfaderwartungen kann die Auflösung von Carry-Trade-Positionen beschleunigen und damit die Nachfrage nach der japanischen Währung stärken.
Auch die Europäische Zentralbank bereitet sich darauf vor, bei ihrer Septembersitzung – die in wenigen Tagen stattfindet – die Zinsen anzuheben. Diese Entscheidung ist vom Markt nahezu vollständig eingepreist, sodass der Zinsschritt der EZB für sich genommen EUR/JPY nicht nach oben treiben dürfte.
Eine Trendwende könnte eintreten, wenn die EZB zusätzlich einen weiteren Zinsschritt nach September in Aussicht stellt. Dieses Szenario erscheint jedoch eher unwahrscheinlich, und sollte es dennoch eintreten, wäre mit starker Volatilität zugunsten des Euro zu rechnen. Der jüngste Inflationsbericht aus dem Euroraum erklärt, warum dieses Szenario als wenig wahrscheinlich gilt: Die Gesamtinflation (Headline CPI) beschleunigte sich wegen der Energiepreise auf 3,3 % gegenüber dem Vorjahr, doch die Kerninflation ging unerwartet auf 2,4 % zurück und signalisiert damit keinen nachhaltigen Anstieg des zugrunde liegenden Preisdrucks. Das verringert die Wahrscheinlichkeit weiterer zeitnaher Zinsschritte.
Damit bleibt das aktuelle fundamentale Umfeld für Käufer von EUR/JPY ungünstig und spricht für weiter nachgebende Kurse. Die einzige wirklich deutlich positive Überraschung für Verkäufer dieses Cross wäre ein klares EZB-Signal, die Zinsen in den kommenden Monaten erneut anheben zu wollen. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen wäre ein solcher Ausgang eine Art „Schwarzer Schwan“, der das Kräfteverhältnis abrupt verschieben könnte. Vollständig ausschließen lässt sich dieses Szenario jedoch nicht. Daher erscheint es sinnvoll, im Vorfeld der EZB-Sitzung Gewinne bei Short-Positionen mitzunehmen und sich vorübergehend aus dem Markt zurückzuhalten. Ein zu stark „hawkisches“ Ergebnis der September-Sitzung könnte das fundamentale Bild für EUR/JPY spürbar verändern und die derzeitige Balance zwischen Euro und Yen deutlich verschieben.