Ein schwacher US-Dollar, hohe Ölpreise und ein neuer Ausbruch von Gewalt im Nahen Osten. Nach aller herkömmlichen Marktlogik hätten diese Faktoren Gold in unterschiedliche Richtungen ziehen und in Unsicherheit zurücklassen müssen. Das Edelmetall hat sich jedoch für eine Richtung entschieden und ist gestiegen, womit es eine dreitägige Verlustserie beendete.
Der US-Dollar-Index fiel auf seinen niedrigsten Stand seit Anfang Mai, begünstigt durch die Aufwertung des japanischen Yen. Für Inhaber anderer Währungen wurde Gold dadurch günstiger und damit erschwinglicher. In der Folge ergab sich ein klassischer unterstützender Faktor für das in US-Dollar denominiert gehandelte Edelmetall.
Gold testet den gleitenden Durchschnitt
Inzwischen haben neue Angriffe auf Schiffe im Nahen Osten den Brent-Preis über 100 US-Dollar je Barrel getrieben. Höhere Energiepreise stärken die Argumente der Fed für eine Anhebung der Zinsen auf der FOMC-Sitzung am 15. und 16. September. Der Terminmarkt beziffert die Wahrscheinlichkeit einer Straffung der Geldpolitik auf fast 60 %. Für Gold ist dies ein klassischer Gegenwind.
Allerdings wird XAU/USD von gegenläufigen Faktoren hin- und hergerissen. Geopolitische Risiken und Handelsbarrieren veranlassen Anleger dazu, in sichere Häfen umzuschichten. Wenn jedoch dieselben Ereignisse die Inflation an den Energie- und Rohstoffmärkten anheizen, treiben die daraus resultierenden Erwartungen einer geldpolitischen Straffung durch die Fed die Renditen von US-Staatsanleihen nach oben und erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten eines Edelmetalls, das keine Zinseinkünfte abwirft.
Die Aufmerksamkeit der Anleger richtet sich auf die Daten zu den US-Erzeuger- und Verbraucherpreisen. Diese Zahlen – und weniger die Geopolitik – werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Markterwartungen für den Leitzins der Fed prägen. Starke Daten dürften die Renditen von Treasuries steigen lassen und Gold unter Druck setzen. Eine weichere Inflation hingegen würde die Erwartungen einer geldpolitischen Straffung dämpfen.
Zugleich stellen die kurzfristigen Gegenwinde die langfristige Sicht vieler Anleger auf Gold als Absicherungsinstrument nicht infrage. Die Wiederbelebung der Käufe durch Zentralbanken und der sogenannte debasement trade erinnern an die Rally, die die Preise für XAU/USD im Januar auf fast 5.600 trieb. China hat seine Goldkäufe im August um den größten Betrag seit 2023 erhöht. Die Reserven der People’s Bank of China stiegen um 650.000 Unzen und verlängerten die Serie auf 22 aufeinanderfolgende Monate.
Nach Angaben von Goldman Sachs dient Gold traditionell als Absicherung in Phasen, in denen Sorgen über Druck aus dem Weißen Haus auf die Fed, über die Fiskalaussichten und über unkonventionelle Eingriffe an den Anleihemärkten vorherrschen. Societe Generale geht noch weiter und spricht von einer neuen Phase des Bullenzyklus. Es handelt sich nicht mehr um einen spekulativen Impuls, sondern um eine strukturelle Überzeugung, die von Privatanlegern, Asset Managern und Derivatehändlern zugleich geteilt wird.
Was wird sich letztlich durchsetzen – die Inflationsdaten vom Freitag oder das über Jahre gewachsene Vertrauen in die Entdollarisierung? Ich vermute, dass die Zahlen dem Markt eher nur eine kurze Verschnaufpause verschaffen werden, statt eine endgültige Antwort zu liefern.
Aus technischer Sicht könnte sich das Wolfe-Wave-Muster im Tageschart von Gold weiterhin entfalten. Damit die Käufe wieder aufgenommen werden, muss der Preis den Widerstand bei 4.450 und 4.510 US-Dollar je Unze nachhaltig überwinden.