Bitcoin in entgegengesetzte Richtungen gezogen

Der US‑Dollar steigt, die Renditen von US‑Staatsanleihen klettern – und Bitcoin weigert sich hartnäckig zu fallen. Diese gespaltene Konstellation treibt die Dynamik am Kryptomarkt.

Renditen von US‑Staatsanleihen

Frische Inflationsdaten aus den USA fielen höher aus als erwartet, stärkten den Dollar und trieben die Renditen von US-Staatsanleihen nach oben. An den Märkten wird nun wieder über die Möglichkeit einer Straffung der Fed-Politik statt einer Lockerung gesprochen. Das ist ein klassischer Gegenwind für Bitcoin: Höhere Renditen erhöhen die Opportunitätskosten, einen Token in einem ETF zu halten, und Kapital tendiert dazu, in Anleihen umzuschichten.

Am Donnerstag fiel Bitcoin bereits die vierte Sitzung in Folge und rutschte wieder unter 80.000 US-Dollar. Die Risikobereitschaft wurde zudem durch zunehmende Spannungen im Nahen Osten belastet: Brent sprang über 107 US-Dollar je Barrel, während Aktien und Anleihen nach den Inflationszahlen verkauft wurden. Die bisherige Korrektur bleibt zwar innerhalb der seit Februar vertrauten Handelsspanne von 60.000–80.000 US-Dollar, doch die wiederholten, gescheiterten Versuche, sich oberhalb von 80.000 US-Dollar zu halten, unterstreichen die uneinheitliche Nachfrage.

Bitcoin vs. S&P 500

Im Kryptomarkt ergibt sich ein gemischtes Bild. Eine Welle von Short-Liquidationen auf Ethereum löste am Freitag eine kurze Rallye aus: Ethereum legte so schnell zu wie seit der vorherigen Aufwärtsbewegung vor drei Wochen nicht mehr, während Bitcoin weniger als 4 % gewann. Daten von Coinglass zeigen, dass an einem Tag Short-Positionen in Ethereum im Volumen von rund 300 Millionen US-Dollar liquidiert wurden, gegenüber 212 Millionen US-Dollar in Bitcoin. Diese Divergenz deutet darauf hin, dass Spekulanten ihr Interesse auf andere digitale Assets verlagert haben, während BTC/USD ins Stocken geraten ist.

Vor diesem Hintergrund ist der 320-Millionen-US-Dollar-Exploit des Liquid Network eher eine Nebenstory. Formal gesehen hilft er Bitcoin-ETFs: verunsicherte Privatanleger verlagern Gelder in regulierte Vehikel. Doch die Zuflüsse in ETFs wiegen den Druck durch einen stärkeren US-Dollar und steigende Renditen nicht auf – das Makroumfeld bleibt der dominante Treiber.

Strukturelle Anmerkungen: Wintermute weist darauf hin, dass die Derivatemärkte trotz der aktuellen Konsolidierung und nachlassenden Dynamik weiterhin ein bullishes Bild bis zum Jahresende zeichnen. Außerdem gibt es eine strukturelle Veränderung im Mining-Angebot: Die Rechenkapazität von US-Minern ist bis Oktober 2025 um 18 % zurückgegangen, da Standorte in Rechenzentren umgewandelt wurden. Diese frei gewordene Kapazität ist jedoch nach China und Russland abgewandert und hat bislang kaum Auswirkungen auf die BTC/USD-Preise gehabt.

Unterm Strich wird Bitcoin derzeit von mehreren Kräften zugleich hin- und hergezerrt: ein festerer Dollar, steigende Treasury-Renditen, lokale spekulative Nachfrage nach Ether und gezielte ETF-Zuflüsse nach dem Hack. Welche dieser Kräfte das Tauziehen letztlich gewinnen wird, ist weiterhin ungewiss.

Aus technischer Sicht droht BTC/USD auf dem Tageschart nach wie vor die Aktivierung eines Anti‑Turtles‑Umkehrmusters. Dafür wäre ein bestätigter Test der Unterstützung bei 76.350 US‑Dollar erforderlich, der Short-Positionen begünstigen würde. Ein Wiedereinstieg auf der Käuferseite ergibt erst nach einem Anstieg zurück über 79.850 US‑Dollar Sinn.