Der Markt bleibt trotz steigender Renditen widerstandsfähig

Anleger haben möglicherweise gute Gründe, auf eine Zinserhöhung zu hoffen. Und das ist kein scheinbarer Widerspruch nur um des Effekts willen. In den vergangenen fünfzehn Jahren war die zentrale Frage für den Markt weniger, was in der Wirtschaft passiert, sondern vielmehr, was die Fed daraus machen wird. Selbst gute Nachrichten, etwa ein kräftiges Beschäftigungswachstum, konnten zu einem Münzwurf darüber werden, ob Aktien fallen oder steigen – nämlich dann, wenn sie die Wahrscheinlichkeit einer strafferen Geldpolitik erhöhten. Der S&P 500 fiel zum fünften Mal in den vergangenen sieben Tagen, während die Renditen von US-Staatsanleihen auf das höchste Niveau seit 2007 stiegen – kurz vor der Entscheidung der Federal Reserve, die Händler nahezu als ausgemachte Sache betrachten.

Der Wettbewerb um das Geld der Anleger hat sich deutlich verschärft. Nach Jahrzehnten nahezu nuller Renditen bieten Anleihen nun eine risikofreie Rendite von rund 5 %, sodass Aktien ihre Berechtigung durch entsprechende Wertentwicklung untermauern müssen, um das eingegangene Risiko zu rechtfertigen. Aktien haben sich trotz der höheren Renditen gut entwickelt, weil der Druck durch steigende Renditen von einem stabilen Gewinnwachstum ausgeglichen wurde. Dieses Gleichgewicht könnte jedoch schwieriger aufrechtzuerhalten sein, falls die Finanzierungskosten weiter steigen.

Zentrale Risiken für den Aktienmarkt

Die September-Ausgabe der Bank of America Fund Manager Survey bestätigt eine zunehmende Vorsicht. Die Netto-Übergewichtung in globalen Aktien sank auf 49 % nach 56 % im Vormonat, der Kassenanteil in den Portfolios stieg leicht an, und zum ersten Mal wurde als größtes Tail-Risiko nicht mehr eine Blase im Bereich künstliche Intelligenz identifiziert, sondern ein ungeordneter Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen. Und das, noch bevor die Rendite der 10-jährigen US-Treasuries die psychologisch wichtige Marke von 5 % durchbrochen hat.

Dennoch ist die Widerstandskraft des S&P 500 bemerkenswert: Der Index hat seit Jahresbeginn 10,7 % zugelegt – und das trotz eines Renditeanstiegs um 80 Basispunkte und eines Ölpreissprungs von 65 %. Die Bewertungsmultiplikatoren sind zwar deutlich stärker gefallen als üblich, doch die Aktienkurse halten sich wesentlich besser als in allen früheren Phasen mit einer derart starken Bewertungs­kontraktion. Gestützt wurde dies durch einen beispiellosen Anstieg der Gewinnerwartungen, der weitgehend durch Investitionen in AI getrieben ist. Die Sorge ist nun eine andere: Sollten die Renditen weiter steigen, nicht nur aufgrund niedrigerer Bewertungsmultiplikatoren, sondern weil die Fed letztlich den AI-Boom selbst ausbremst, könnten die Gewinnprognosen am Ende nicht erfüllt werden.

S&P 500 und KGV-Dynamik

Die auseinandergehenden Einschätzungen an der Wall Street sind ebenfalls aufschlussreich. Wells Fargo senkte sein S&P-500-Kursziel von 7.950 auf 7.700 Punkte und begründete dies mit einer unvermeidlichen Abschwächung im seit einem Jahrzehnt andauernden Gewinnwachstumszyklus sowie mit steigenden Risiken für den Technologiesektor. Unterdessen hoben Bank of America und Tallbacken Capital Advisors ihre Kursziele an, nachdem zuvor bereits JPMorgan und Yardeni Research ihre Prognosen im August nach oben revidiert hatten.

Aus technischer Sicht bewegt sich der S&P 500 im Tageschart in einem Abwärtstrendkanal. Ein Durchbruch unter die Untergrenze bei rund 7.560 Punkten würde eine Gelegenheit bieten, bestehende Short-Positionen weiter auszubauen. Umgekehrt wären eine Erholung von dieser Begrenzung oder die Unfähigkeit der Bären, eine Angriffswelle zu starten, Gründe, wieder Long-Positionen im breiten Aktienmarktindex einzugehen.