Das Währungspaar Euro/US‑Dollar bewegt sich seitwärts vor dem Hintergrund anhaltender geopolitischer Unsicherheit. Einerseits veröffentlichen internationale Medien vermehrt Insiderberichte, denen zufolge die USA und Iran kurz davorstehen, eine vorläufige Vereinbarung abzuschließen, die eine Wiederaufnahme der Schifffahrt in der Straße von Hormus ermöglichen würde. Andererseits griffen die US‑Streitkräfte am Montag Raketenstellungen und Boote im Süden Irans an, die angeblich versucht hatten, Seeminen zu legen. Formal gilt zwar weiterhin ein Waffenstillstand, doch die Aussichten auf den Abschluss eines Friedensabkommens sind ungewiss.

Händler im Währungspaar EUR/USD reagieren vorsichtig auf die jüngsten geopolitischen Ereignisse – unabhängig davon, ob diese positiv oder negativ sind. Marktteilnehmer hoffen zwar weiterhin auf den Abschluss eines Abkommens, bleiben jedoch skeptisch in Bezug auf ein schnelles „Happy End“. Infolgedessen wird das Paar in einer recht engen Handelsspanne gehandelt, was die Unentschlossenheit sowohl der Käufer als auch der Verkäufer widerspiegelt.
Am Dienstag neigt sich die Waage jedoch in Richtung eines bullischen Szenarios. Trotz amerikanischer Luftangriffe und der aggressiven Aussagen aus Iran bleibt ein Deeskalationsszenario das Basisszenario und der wahrscheinlichste Ausgang. Der US-Außenminister Marco Rubio kommentierte die jüngsten Ereignisse mit dem Hinweis, dass die Verhandlungen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Formulierungen des Abkommens ins Stocken geraten seien, und bezeichnete es als „einen Vorschlag“.
Solche Meldungen halten den Euro – insbesondere gegenüber dem Dollar – über Wasser.
Doch nicht nur „geopolitischer Optimismus“ stützt die Gemeinschaftswährung; eine bedeutende Rolle spielt auch die Europäische Zentralbank, deren Vertreter sich zuletzt mit zunehmend falkenhaftem Ton geäußert haben.
Die treibende Kraft des „falkenhaften Lagers“ ist Isabel Schnabel, die zuletzt sehr direkt auf die Notwendigkeit einer Zinserhöhung auf der Juni-Sitzung hingewiesen hat. Am Montag erklärte sie, der Inflationsschock habe sich als umfassender und hartnäckiger erwiesen als zuvor angenommen, sodass eine Politik des Ignorierens dieses Inflationsschubs „keine tragfähige Option mehr“ sei. Sie verwies zudem auf besorgniserregende Frühindikatoren, darunter den Anstieg der Inflationserwartungen der Verbraucher sowie die Absicht der Unternehmen, ihre Verkaufspreise anzuheben. Ihrer Ansicht nach müsste die EZB die Zinsen im Juni selbst dann anheben, wenn der Konflikt im Nahen Osten „morgen“ enden würde. In diesem Zusammenhang stellte sie fest, dass Schäden an Energieinfrastruktur und Lieferketten bereits entstanden seien und die Stabilisierung des Marktes „mindestens sechs Monate“ in Anspruch nehmen werde.
Es sei angemerkt, dass sich Schnabels Haltung seit März deutlich verhärtet hat, als sie noch dafür plädierte, „mit Zinserhöhungen nicht zu übereilen“.
Auch der Präsident der Bundesbank, Joachim Nagel, hat seinen Kurs verschärft und auf die Möglichkeit von Zinserhöhungen hingewiesen, „wenn die Inflation über dem Zielwert bleibt“. Eine ähnliche Einschätzung äußerten Martin Kocher (Chef der Österreichischen Nationalbank) und Martins Kazaks (Chef der lettischen Zentralbank).
EZB-Präsidentin Christine Lagarde ist in ihrer Rhetorik üblicherweise um Ausgewogenheit bemüht; zuletzt hat sich ihre Haltung jedoch in Richtung einer restriktiveren Politik verschoben. In ihren Reden weist sie zunehmend darauf hin, dass die Inflationsrisiken nach oben gerichtet sind – vor allem aufgrund der Energiepreise und möglicher Zweitrundeneffekte bei Löhnen und Preisen. Sie betont, dass die Risiken einer Verfestigung der Inflation über dem Zielniveau inzwischen schwerer wiegen als die Sorge um ein schwaches Wirtschaftswachstum.
Laut ECB Watch Tool liegt die Wahrscheinlichkeit einer Anhebung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte auf der Juni-Sitzung bei etwa 80 %. Konkret gehen 42 von Bloomberg befragte Ökonomen von einer Wahrscheinlichkeit von 75–80 % für eine geldpolitische Straffung im kommenden Monat aus. In der jüngsten Reuters-Umfrage vom Mai kam es zu einer deutlichen Verschiebung in der Verteilung der Antworten: 59 von 70 befragten Ökonomen (über 80 %) prognostizieren im Juni eine Anhebung des Einlagensatzes auf 2,25 % (gegenüber der April-Umfrage, in der die Lager nahezu gleich verteilt waren – 44 von 85). Außerdem äußerten 35 von ihnen die Überzeugung, dass die EZB die Zinsen in diesem Jahr mindestens zweimal anheben wird.
Damit bleibt trotz der derzeitigen Unentschlossenheit am Markt die falkenhafte Haltung der EZB ein „Trumpf“ für EUR/USD-Bullen, der noch nicht vollständig eingepreist ist. Sollten die USA und Iran in naher Zukunft tatsächlich ein vorläufiges Friedensabkommen finalisieren, würde dieser fundamentale Faktor den Bullen im Währungspaar erheblichen zusätzlichen Rückenwind verleihen.
Selbst wenn die geopolitische Unsicherheit anhält, dürfte die entschlossene Haltung der EZB jedoch „den Schlag für den Euro abmildern“ und das Ausmaß möglicher Kursrückgänge deutlich begrenzen. All dies deutet darauf hin, dass Long-Positionen im Währungspaar EUR/USD strategisch Vorrang vor Short-Positionen haben, zumal es ermutigende Insiderberichte über die Aussichten auf ein Abkommen zwischen den USA und Iran gibt.
Solange das Paar jedoch in einer engen Handelsspanne verharrt und auf eine Lösung in der Nahost-Frage wartet, müssen sich Marktteilnehmer mit einer Seitwärtsbewegung arrangieren. Unter den aktuellen Umständen erscheint es sinnvoll, Long-Positionen bei Rücksetzern nach Süden in Betracht zu ziehen – mit einem anfänglichen und vorerst einzigen Ziel bei 1,1650 (obere Linie der Bollinger-Bänder im Vier-Stunden-Chart).
