Der S&P 500 notiert nahe einem Allzeithoch bei 7.529 Punkten. Der neueste Bericht der University of Michigan zeigt, dass der Verbraucherstimmungsindex auf ein Rekordtief von 44,80 gefallen ist. Zwei Indikatoren, die sich über Jahrzehnte in die gleiche Richtung bewegt haben, driften nun mit beispielloser Wucht auseinander. Wirft das Fragen auf? Offensichtlich.

Historisch war eine solche Divergenz selten und in der Regel nur von kurzer Dauer. Die Logik dahinter ist einfach: Wenn die Wirtschaft wächst, steigen die Unternehmensgewinne und mit ihnen Aktienkurse, Realeinkommen und das Verbrauchervertrauen. Heute ist dieser Zusammenhang durchbrochen. Der Aktienmarkt markiert Rekorde, getragen von KI‑Optimismus und der Hoffnung auf eine Einigung mit dem Iran, während sich der durchschnittliche amerikanische Verbraucher schlechter fühlt als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der gesamten Beobachtungsperiode – einschließlich der Pandemie 2020, der Finanzkrise 2008–2009 und der Rezession Anfang der 1980er‑Jahre.
Der Grund liegt auf der Hand: Der Krieg mit dem Iran hat genau die Ausgabeposten getroffen, die Amerikaner jeden Tag spüren. Die Benzinpreise haben Niveaus erreicht, die zuletzt 2022 zu sehen waren, die Lebensmittelpreise steigen im Einklang mit höheren Transportkosten, und Flugpreise liegen rund 20 % über dem Vorjahresniveau. Rund ein Drittel der Verbraucher nannte in der jüngsten Michigan‑Umfrage spontan die Benzinpreise als Hauptsorge. Die Realeinkommen sind den dritten Monat in Folge gesunken – die Inflation frisst die nominalen Lohnzuwächse auf.
Der Aktienmarkt lebt derweil in einer anderen Realität. Die Kursgewinne im S&P 500 konzentrieren sich auf einen engen Kreis von Tech‑Unternehmen – Chiphersteller, KI‑Plattformanbieter und Infrastrukturanbieter. Es handelt sich dabei überwiegend um Vermögenswerte, die im Besitz institutioneller Investoren und wohlhabender Haushalte sind. Nach Angaben der Federal Reserve halten die einkommensstärksten 10 % der amerikanischen Haushalte rund 93 % aller Aktien. Wenn Trump die Rekorde des S&P 500 als Beleg für wirtschaftlichen Wohlstand anführt, beschreibt er die Lebenswirklichkeit einer Minderheit – von Bürgern mit Brokerage‑Konten und diversifizierten Portfolios.
Wichtig ist: Solche Divergenzen halten historisch gesehen nie ewig an. Entweder spiegelt der Aktienmarkt irgendwann den tatsächlichen Zustand der Verbraucher wider und korrigiert nach unten, oder die Verbraucherstimmung erholt sich, wenn die Inflation nachlässt – etwa wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet wird und die Energiepreise sinken. Der Markt setzt derzeit auf das zweite Szenario. Solange jedoch die Meerenge geschlossen bleibt, Benzin teuer ist und die Federal Reserve kurz davorsteht, die Zinsen anzuheben, dürfte die Kluft zwischen Rekorden am Aktienmarkt und der Stimmung an der Zapfsäule weiter wachsen.
