Öl befindet sich wieder auf einem Aufwärtstrend. Brent nähert sich 97 US-Dollar pro Barrel, während WTI bei rund 95 US-Dollar gehandelt wird – beide Sorten haben in den ersten beiden Handelssitzungen der Woche mehr als 7 % zugelegt. Es ist offensichtlich, dass der Optimismus in Bezug auf die Verhandlungen, der die Ölpreise zuvor um 19 % gedrückt hatte, rasch verfliegt.

Für den Anstieg gibt es zahlreiche Gründe. Iran hat ballistische Raketen auf Kuwait und Bahrain abgefeuert – diese wurden entweder abgefangen oder bereits auf dem Weg dorthin zerstört –, während US-Streitkräfte ein Führungskommando auf der Insel Qeschm angegriffen haben. Kuwait hat die Flüge an seinem internationalen Flughafen ausgesetzt, nachdem eine iranische Drohne ein Passagierterminal beschädigt hatte. All dies geschieht vor dem Hintergrund von Trumps Äußerungen, in denen er sich optimistisch über ein in Kürze abzuschließendes Abkommen zeigt – während iranische Medien gleichzeitig von einer Aussetzung der Verhandlungen aufgrund der Kampfhandlungen im Libanon berichten. Der Markt erhält widersprüchliche Signale und reagiert auf das Greifbarste – die Eskalation.
Gestern Abend trat zudem ein fundamentaler Aspekt zutage. Laut ABC News fordert Trump von Iran, seine nuklearen Zugeständnisse im Rahmen eines vorläufigen Abkommens zur Einstellung der Feindseligkeiten schriftlich festzuhalten. Zuvor hatte Teheran nur mündliche Zusicherungen in Bezug auf verschiedene Bedingungen gegeben. Diese Forderung erschwert den Verhandlungsprozess erheblich – schriftliche Zusagen zum iranischen Atomprogramm zu erhalten, ist politisch weitaus anspruchsvoller, als sich auf mündliche Erklärungen zu stützen. Das erklärt, warum ein Abkommen, das noch vor einer Woche unmittelbar bevorzustehen schien, bis heute nicht unterzeichnet wurde.
Ebenso bemerkenswert ist, dass die Versorgungsknappheit weiter zunimmt. Nach Angaben der US-Ölindustrie sind die US-Rohölbestände in der vergangenen Woche um 6,8 Millionen Barrel gesunken. Sollte die offizielle Statistik des Energieministeriums diese Zahl bestätigen, wäre dies die sechste wöchentliche Reduktion in Folge. All dies zeigt, dass eine Normalisierung der Ströme noch in weiter Ferne liegt und die Risikobalance klar in Richtung steigender Preise verschoben ist – zumal sich das dritte Quartal mit seiner saisonal hohen Nachfrage nach Energierohstoffen nähert.

In Bezug auf die aktuelle technische Lage am Ölmarkt müssen die Käufer zunächst den nächstgelegenen Widerstand bei 100,40 USD zurückerobern. Dadurch eröffnet sich ihnen das Ziel bei 106,80 USD, wobei ein Ausbruch darüber hinaus auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen dürfte. Das weiter entfernte Ziel liegt im Bereich von etwa 110,80 USD. Kommt es hingegen zu einem Rückgang, werden die Bären versuchen, bei 92,54 USD die Kontrolle zu übernehmen. Gelingt ihnen dies und wird diese Spanne nach unten durchbrochen, wäre dies ein schwerer Schlag für die Position der Bullen und könnte den Ölpreis zunächst auf 86,50 USD drücken, mit der Aussicht auf einen weiteren Rückgang bis auf 81,40 USD.
