Gold fiel unter die psychologisch wichtige Marke von 4.000 US-Dollar und rutschte bis auf 3.943 US-Dollar ab, den niedrigsten Stand seit November. Danach setzte jedoch wieder Nachfrage nach dem Metall ein, was zu einem kräftigen Kurssprung auf rund 4.030 US-Dollar führte.

Der Auslöser für diese Entwicklung waren die widersprüchlichen Signale aus den USA und dem Iran im Vorfeld neuer Verhandlungen in Doha, die den Markt in einem Zustand der Unsicherheit hielten. Der diplomatische Hintergrund bleibt komplex. Washington kündigte an, dass die Gespräche mit Teheran am Dienstag in Doha beginnen werden, doch das iranische Außenministerium erklärte, es werde lediglich eine Delegation von Experten entsenden und direkte Verhandlungen ausschließen. Noch besorgniserregender ist die Äußerung von Kazem Gharibabadi, dem stellvertretenden Außenminister Irans, über Teherans Absicht, seine Pläne zur Kontrolle der Seeschifffahrt durch die Straße von Hormus weiterzuverfolgen. Die USA, Europa und die arabischen Golfstaaten lehnen dies ab, und dieser Streit über die künftige Kontrolle dieser entscheidenden Wasserstraße bleibt ein zentrales Konfliktthema.
Dennoch hat diese geopolitische Unsicherheit kaum Auswirkungen auf Gold – das ist das Paradox des aktuellen Marktes. Seit Beginn des Krieges Ende Februar hat das Metall rund 25 Prozent seines Wertes verloren und dabei wichtige technische Marken durchbrochen, darunter den 200-Tage-Durchschnitt, der den langfristigen Trend widerspiegelt. Der Grund dafür ist, dass für Gold derzeit nicht die Geopolitik, sondern die Zinsen entscheidend sind. Zwar sind die Ölpreise nach dem militärischen Preissprung wieder gesunken, doch die Erwartung, dass die Notenbanken die Zinsen länger hoch halten werden, ist nicht verschwunden. Die Entspannung der Lage und günstigeres Öl dämpfen zwar die Inflationsrisiken; an den Märkten wiegen jedoch die Erwartungen erneuter Zinserhöhungen in den USA und einer Aufwertung des Dollars in der zweiten Jahreshälfte deutlich schwerer. Beide Faktoren erhöhen die Opportunitätskosten der Goldhaltung, da Gold selbst keine Zinsen abwirft.
Gold ignoriert sogar wichtige Nachrichten, die es unter anderen Umständen stützen könnten. Gestern entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass das Fed-Mitglied Lisa Cook im Amt bleiben kann, während sie gegen den Versuch Trumps, sie aufgrund nicht belegter Anschuldigungen abzusetzen, Berufung einlegt. Diese Entscheidung stärkt die Unabhängigkeit der Fed, auf die das Weiße Haus Druck ausübt, um niedrigere Zinsen durchzusetzen. Das Paradox besteht darin, dass eine unabhängigere Fed die Wahrscheinlichkeit politisch motivierter Lockerungsmaßnahmen verringert, was wiederum bedeutet, dass die Zinsen länger hoch bleiben dürften. Für Gold ist dies eher ein bärisches Signal als ein Grund für steigende Kurse.

Aus technischer Sicht müssen die Käufer den nächstgelegenen Widerstand bei 4.062 $ zurückerobern. Dies würde es ermöglichen, den Bereich um 4.124 $ ins Visier zu nehmen, oberhalb dessen ein Durchbruch allerdings recht schwierig werden dürfte. Das nächste Kursziel läge dann bei etwa 4.186 $. Kommt es hingegen zu einem Rückgang, werden die Bären versuchen, die Kontrolle über die Marke von 4.008 $ zu übernehmen. Gelingt ihnen das und wird diese Spanne nach unten durchbrochen, wäre dies ein schwerer Schlag für die Bullenpositionen und könnte Gold auf ein Tief bei 3.954 $ drücken, mit der Aussicht auf einen weiteren Rückgang bis 3.906 $.
