Öl hat sich nach einem historischen Einbruch im letzten Quartal stabilisiert, und der Markt wartet nun auf die Ergebnisse der Verhandlungen in Doha. Brent ist auf über 73 Dollar pro Barrel gestiegen und hat damit einen Teil des fast ein Drittel betragenden Rückgangs der vergangenen drei Monate wettgemacht – dem größten seit Beginn der Pandemie. WTI wird knapp unter 70 Dollar gehandelt. Medienberichten zufolge haben die US-Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff in Katar positive Gespräche geführt, und die technischen Verhandlungen mit Iran kommen voran.

Goldman Sachs stellte gestern fest, dass trotz wiederkehrender Eskalationen in der Meerenge die US-Energieexporte und ‑importe nach China stabil bleiben und damit bestätigen, dass sich der Markt in die richtige Richtung bewegt. Es wird erwartet, dass die Situation bis Ende Juli vollständig bereinigt ist. Dies ist ein wichtiger Referenzpunkt für Händler, die inzwischen nicht mehr in Wochen, sondern mit einem klaren Einmonats-Horizont planen.
Genau dieses Vertrauen in eine baldige Lösung drückt die Preisprognosen nach unten – und zwar deutlich. Nach Einschätzung von Goldman Sachs wird der Markt im kommenden Jahr einen Angebotsüberschuss von rund 2 Millionen Barrel pro Tag aufweisen, selbst unter Berücksichtigung der Auffüllung der globalen strategischen Reserven nach dem Krieg. Morgan Stanley folgt dieser Logik und hat seine Preisprognosen bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen gesenkt, da sich die Ströme durch die Meerenge schneller als erwartet erholen. Wenn die beiden größten Banken an der Wall Street unabhängig voneinander zum gleichen Schluss hinsichtlich eines bevorstehenden Überschusses kommen, ist das ein starkes Signal für den gesamten Markt.
Das Ausmaß der Erholung der Lieferungen ist beeindruckend und wird durch Zahlen untermauert. Iran erklärte, seit Aufhebung der US-Seeblockade mehr als 40 Millionen Barrel Öl exportiert zu haben. Gleichzeitig haben die russischen Lieferungen Rekordniveaus erreicht. Die Kombination dieser Ströme hat zu einem spürbaren Aufbau von Öl auf See geführt, was physisch auf einen Überschuss hindeutet, noch bevor er sich vollständig in den Lagerbestandsstatistiken niederschlägt.
Dennoch ist es verfrüht zu behaupten, der Konflikt sei vollständig gelöst. Iran hat erneut seinen Anspruch bekräftigt, den Schiffsverkehr durch die Meerenge zu kontrollieren, und daran erinnert, dass zentrale Streitpunkte, darunter das Atomprogramm des Landes und die Beendigung der Kampfhandlungen im Libanon, weiterhin ungelöst sind. Dies könnte die Verhandlungen während der gesamten 60-tägigen Feuerpause erschweren.
Die nächste wichtige Referenzgröße für den Markt werden die US-Daten zu den Rohölvorräten sein, die heute veröffentlicht werden. In der vergangenen Woche teilte die Energy Information Administration mit, dass die landesweiten Lagerbestände auf den niedrigsten Stand seit 1984 gefallen sind – ein Erbe der Knappheit während des Krieges.

Was das aktuelle technische Bild bei Öl angeht, müssen die Käufer zunächst den nächstgelegenen Widerstand bei 71,25 USD zurückerobern. Dadurch eröffnet sich das Ziel bei 76,30 USD, wobei ein Ausbruch darüber hinaus auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen dürfte. Das entfernteste Ziel liegt im Bereich von 81,38 USD. Sollte der Ölpreis fallen, werden die Bären versuchen, die Kontrolle über die Marke von 67,77 USD zu übernehmen. Gelingt ihnen das, würde ein Ausbruch aus der Handelsspanne die Position der Bullen erheblich schwächen und den Ölpreis auf ein Tief bei 59,96 USD drücken, mit der Perspektive eines weiteren Rückgangs bis auf 51,99 USD.
