Vorsicht ist besser als Nachsicht. Doch dieses Mal scheint Tokio beschlossen zu haben, auf Warnungen zu verzichten. Der Yen hat gegenüber dem US‑Dollar deutlich aufgewertet, nachdem Spekulationen aufgekommen waren, dass die anhaltende Schwäche der Währung eine neue Interventionsrunde auslösen könnte. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Händler warten auf die US‑Arbeitsmarktdaten, und der Feiertag in den Vereinigten Staaten am darauffolgenden Tag verspricht eine geringe Liquidität. Genau in solchen Phasen kann viel Kapital den USD/JPY stärker als üblich nach unten drücken.
Laut Reuters könnten japanische Offizielle von ihrer üblichen Praxis abrücken, ihre Absichten im Voraus anzudeuten. Die Intervention im April erfolgte nach einer Welle von Warnungen, und der Markt war entsprechend vorbereitet. Die Agentur ist der Ansicht, dass die neue Taktik, auf verbale Signale zu verzichten, wirksamer sein könnte, um Spekulanten aus ihren Short‑Positionen im Yen zu drängen.
Ein Beleg dafür ist die Zurückhaltung, die Vizefinanzminister Atsushi Mimura an den Tag legt. Der Beamte ist von der Standardformel abgerückt, man sei zu entschlossenen Maßnahmen bereit. Schweigen kann auf zwei Arten interpretiert werden: Entweder Tokio setzt vor einer neuen Intervention auf den Überraschungseffekt, oder die Behörden sind bereit, den Yen vor einem Eingreifen weiter fallen zu lassen. Mimura bestätigte allerdings, dass die Marktbewegung im April „ganz eindeutig bewusst ausgelöst“ gewesen sei und dass es aus Washington keine Einwände gegeben habe.
Interessanterweise haben die USD/JPY‑Bären noch ein Ass im Ärmel. Die anhaltend robuste Unternehmensaktivität in Japan und das Risiko einer Inflation über dem Zielkorridor verschaffen der BoJ eine Grundlage, über aggressive Zinserhöhungen nachzudenken. Erwartete der Markt zuvor noch etwa sechs Monate zwischen den Schritten mit einem Referenzpunkt im Dezember, so wird die Wahrscheinlichkeit einer geldpolitischen Straffung im Oktober nun auf über 60 % geschätzt.
Entwicklung von USD/JPY und Zinsdifferenz

Das Problem ist, dass monetäre Logik auf politische Realitäten trifft. Premierministerin Sanae Takaichi hat signalisiert, dass sie eine lockere Geldpolitik einer Straffung vorzieht. Genau die Spekulation darüber, dass die Regierung einer Straffung durch die BoJ widerstehen würde, hat den Yen auf seinen schwächsten Stand seit 1986 gedrückt. Angesichts der Erwartungen weiterer Zinserhöhungen durch die Fed diskutieren einige Händler ernsthaft die Möglichkeit, dass USD/JPY das Niveau von 200 erreichen könnte.
Die Prognosen der Banken sind unterschiedlich, fallen für den Yen jedoch düster aus. T. Rowe Price nennt 169 als Worst-Case-Szenario, Mizuho Bank verortet die Marke bei 170, und Sumitomo Mitsui Financial Group hält in den kommenden Jahren 180 für möglich. Monex Group und Blue Edge Advisors schließen 200 nicht aus, falls die BoJ weiterhin hinter der Kurve zurückbleibt.

Damit hängt das Schicksal von USD/JPY davon ab, wer zuerst nachgibt: Tokio, das bereit ist, Devisenreserven einzusetzen, oder die Bank of Japan, die trotz Druck seitens der Regierung auf eine geldpolitische Straffung drängt. Kann das Finanzministerium die Spekulanten mit ihrer eigenen Waffe – dem Schweigen – schlagen?
Technisch betrachtet ist auf dem Tageschart der Pin-Bar, der sich am oberen Ende des Aufwärtstrends in USD/JPY gebildet hat, bereits ausgespielt worden. Der Bruch seines Tiefs bei 162,2 ermöglichte die Eröffnung von Short-Positionen. Es ergibt Sinn, diese auszubauen, falls sich das Instrument nachhaltig unter 161,5 etablieren kann.
