
EUR/USD bleibt in einem lokalen bärischen Impuls, auch wenn die Bullen nach den Entwicklungen am Mittwoch und Donnerstag neue Chancen erhalten haben.
Gestern traten beim internationalen Wirtschaftsforum in Portugal die EZB-Präsidentin Christine Lagarde und der Federal-Reserve-Gouverneur Kevin Warsh auf. Meiner Ansicht nach ist Lagardes Tonfall in der Geldpolitik vorsichtiger und weniger „hawkish“ geworden. Warsh betonte zwar erneut die Notwendigkeit höherer Zinsen, legte jedoch nicht klar dar, ob die Federal Reserve die Inflation durch weitere geldpolitische Straffung senken will oder damit rechnet, dass der Inflationsdruck mit fallenden Energiepreisen von selbst nachlässt.
Insgesamt lieferten die Zentralbanker viel Rhetorik, aber kaum konkrete Orientierung. Entsprechend hatten Händler Spielraum, die Aussagen von Warsh und Lagarde sehr unterschiedlich zu interpretieren. Die Sitzung endete letztlich mit einer erneuten Aufwertung des US‑Dollars, was darauf hindeutet, dass der Markt Warshs Äußerungen als „hawkish“ gewertet hat.
Heute haben sich die Marktbedingungen jedoch etwas verändert. Der US‑Arbeitsmarktbericht Nonfarm Payrolls fiel deutlich schwächer aus als erwartet und löste eine kräftige Aufwärtsreaktion im EUR/USD aus. Diese Bewegung reichte aus, um Imbalance 18 zu invalidieren und den Käufern den Weg in Richtung Imbalance 17 zu eröffnen. Solange Imbalance 17 intakt bleibt, bleibt auch der übergeordnete bärische Impuls bestehen. Ein neuer bullischer Impuls würde allerdings ein deutlich stärkeres technisches Signal liefern. In jedem Fall haben die Bullen nun eine Chance bekommen. Die entscheidende Frage ist, ob sie diese auch nutzen können.
Geopolitische Entwicklungen sind in den vergangenen Wochen gegenüber der Geldpolitik der Federal Reserve in den Hintergrund getreten, könnten jedoch bald wieder stärker in den Fokus rücken. Teheran und Washington haben ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, den Waffenstillstand um weitere 60 Tage verlängert und mit der Arbeit an der vollständigen Wiedereröffnung der Straße von Hormus sowie an einem umfassenden Atomabkommen begonnen.
Trotz der Entspannung an der geopolitischen Front blieb die erwartete Abschwächung des US‑Dollars aus, ebenso wie eine Aufwertung des Euro infolge der strafferen Geldpolitik der EZB. Im Gegenteil: Die Verkäufer blieben trotz des unterstützenden fundamentalen und geopolitischen Umfelds dominant. Da sich die geopolitischen Aussichten nun erneut eintrüben, wäre eine Rückkehr des Abwärtsdrucks nicht überraschend. Dennoch halte ich die Position der Bullen nicht für so schwach, dass ein weiterer Rückzug gerechtfertigt wäre.
Aus technischer Sicht signalisiert die aktuelle Chartstruktur weiterhin, dass der bärische Impuls, der am 17. April begonnen hat, intakt ist. Die bärische Imbalance 17 wurde bislang nicht geschlossen, während Imbalance 18 nach den schwachen US‑Arbeitsmarktdaten invalidiert wurde. Bisher haben sich keine bullischen Muster ausgebildet, und es ist auch in den kommenden Tagen nicht mit deren Entstehung zu rechnen. Käufer können die Korrektur daher in Richtung Imbalance 17 fortsetzen, doch derzeit ergibt sich hierfür kein attraktiver technischer Einstieg.
Es ist zudem erwähnenswert, dass in der vergangenen Woche die Liquidität unterhalb des Tiefs vom 1. August möglicherweise bereits abgegriffen wurde.
Die Konjunkturdaten vom Donnerstag haben die Käufer schließlich unterstützt. Ein einziger Nonfarm‑Payrolls‑Bericht genügte, um die Verkäufer zum Rückzug zu zwingen. Die US‑Wirtschaft hat außerhalb der Landwirtschaft lediglich 57.000 neue Stellen geschaffen, deutlich weniger als der Marktkonsens von 110.000. Zudem wurde der Wert für Mai um 50.000 Stellen nach unten revidiert. Es ist daher gerechtfertigt festzustellen, dass der Bericht die Erwartungen klar verfehlt hat und der Rückgang des US‑Dollars fundamental gut untermauert ist. Die Arbeitslosenquote spielte in der Marktreaktion eine eher untergeordnete Rolle.
Es gibt weiterhin zahlreiche Gründe, warum Käufer auch im Verlauf des Jahres 2026 konstruktiv bleiben können, und die Entspannung im Nahen Osten hat diese Argumente kaum abgeschwächt. Strukturell und fundamental haben sich die von Präsident Trump verfolgten politischen Maßnahmen, die im vergangenen Jahr maßgeblich zur starken Abwertung des US‑Dollars beigetragen haben, nicht verändert. Aus meiner Sicht gibt es derzeit trotz der „hawkishen“ Haltung des FOMC nur wenige überzeugende Faktoren, die für den US‑Dollar sprechen.
EUR/USD nähert sich einem Cluster wichtiger Tiefs und Swing‑Punkte, an denen Liquidität abgegriffen werden könnte. Eine solche Bewegung könnte als Katalysator für eine Umkehr des aktuellen bärischen Impulses dienen.
Wirtschaftskalender für die Vereinigten Staaten und die Eurozone:
- Eurozone – Rede der EZB‑Präsidentin Christine Lagarde (08:00 UTC)
Der Wirtschaftskalender für den 3. Juli enthält nur ein Ereignis, das ich nicht für besonders bedeutsam halte. Daher dürfte der makroökonomische Hintergrund am Freitag nur begrenzt auf die Marktstimmung wirken, zumal viele Finanzmärkte wegen des Feiertags zum US‑Independence Day geschlossen bleiben.
EUR/USD Prognose und Trading‑Tipps
Meiner Einschätzung nach befindet sich das Währungspaar weiterhin in der Ausbildung eines breiteren Aufwärtstrends. Auch wenn sich das fundamentale Umfeld vor vier Monaten deutlich zugunsten der Bären verschoben hat, kann der langfristige Aufwärtstrend bislang nicht als aufgehoben gelten.
Daher könnten Käufer nach einem Liquidity Sweep unter klar definierten Tiefs einen neuen Aufwärtsimpuls starten. Long‑Positionen auf dem aktuellen Kursniveau zu eröffnen, ist jedoch nicht ratsam. Es wäre vorzuziehen, zunächst bestätigte bullische Price‑Action‑Muster abzuwarten, bevor neue Kaufpositionen in Betracht gezogen werden.
Derzeit beobachten Trader zwei bärische Imbalances, von denen eine bereits invalidiert wurde. Zudem ist die Nähe zu vier markanten Swing‑Punkten hervorzuheben, an denen Liquidität abgegriffen werden könnte, ebenso wie die fragwürdige fundamentale Grundlage für die jüngste Aufwertung des US‑Dollars. Folglich rechne ich weiterhin mit einer Aufwärtsbewegung, möchte hierfür aber zunächst eine klare technische Bestätigung sehen. Alternativ können Trader auf ein neues Verkaufssignal innerhalb von Imbalance 17 warten.
