Die Europäische Zentralbank (ECB) scheint einen vorsichtigen Kurs einzuschlagen. Es wird damit gerechnet, dass die Zinsen im Juli unverändert bleiben, bevor im September eine endgültige Entscheidung getroffen wird. Unterdessen bewegt sich EUR/USD weiter in der Konsolidierungsspanne von 1,1370–1,1470, da Händler vor der Sitzung des EZB-Rats und den anstehenden Veröffentlichungen zur Geschäftstätigkeit ihre Positionen reduzieren.
Eine Bloomberg-Umfrage lässt wenig Raum für Überraschungen: Alle Befragten erwarten, dass die ECB ihren Einlagensatz am 23. Juli unverändert lässt. Die meisten Volkswirte rechnen jedoch im September mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 2,50 %, wenn der ECB aktualisierte vierteljährliche Wirtschaftsprognosen vorliegen. Die Begründung ist naheliegend: Der Konflikt unter Beteiligung des Iran hat die Ölpreise nach oben getrieben und damit den stärksten Inflationsschub im Euroraum seit 2023 ausgelöst.
EZB-Zinsprognosen der Volkswirte

Das restriktive Szenario ist jedoch alles andere als sicher. Die Inflation hat sich im Juni stärker als erwartet verlangsamt, und es gibt weiterhin keine Anzeichen dafür, dass sich eine Lohn-Preis-Spirale herausbildet. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel mahnt zwar weiterhin zur Wachsamkeit und bezeichnet die aktuellen Leitzinsen als „angemessen“, hat es jedoch vermieden, sich ausdrücklich für eine Zinserhöhung im September auszusprechen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde wiederum hat bewusst darauf verzichtet, eine Forward Guidance zu geben, sodass die Märkte über den nächsten Schritt der Notenbank spekulieren müssen.
Wie so oft bleiben die Entwicklungen im Nahen Osten die entscheidende Variable. Die fragile Waffenruhe zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran, die im vergangenen Monat erzielt wurde, ist bereits wieder neuerlichen militärischen Auseinandersetzungen gewichen. Eine begrenzte Eskalation dürfte eher für eine verlängerte Pause der EZB sprechen, während eine gravierende Störung der Öl- und Erdgasversorgung die Zweitrundeneffekte bei der Inflation wiederbeleben und die Entscheidungsträger dazu zwingen könnte, ihre Inflationserwartungen zu überdenken.
HSBC stellt infrage, ob eine Zinserhöhung im September bereits beschlossene Sache ist. Sollten die Friedensverhandlungen weiter vorankommen und sich die Bedingungen auf der Angebotsseite der Energie verbessern, könnte die EZB keine Veranlassung mehr sehen, die Geldpolitik weiter zu straffen. Danske Bank hingegen bleibt für EUR/USD pessimistisch und peilt einen Kurs von 1,1100 an, gestützt auf die Erwartung eines stärkeren Wirtschaftswachstums in den USA und einer aggressiveren Federal Reserve.
Der US‑Dollar ist allerdings ebenfalls nicht frei von Verwundbarkeiten. MUFG argumentiert, dass eine rückläufige US‑Inflation und eher vorsichtige, dämpfende Kommentare von Kevin Warsh, der die inflationsfördernden Effekte von KI als temporär bezeichnete, für eine Pause der Federal Reserve und eine anschließende Abschwächung des Greenback sprechen. Bank of America vertritt die gegenteilige Auffassung und sieht drei wesentliche treibende Faktoren für einen starken US‑Dollar in der zweiten Jahreshälfte: die Entwicklungen in der Straße von Hormus, eine restriktiv ausgerichtete Federal Reserve mit dem Potenzial für drei weitere Zinserhöhungen sowie anhaltend hohe Investitionsausgaben für künstliche Intelligenz durch Hyperscaler im Technologiesektor.

Das Ergebnis ist ein interessantes Marktbild. Fast alle gehen davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche eine Pause einlegt, doch die Meinungen gehen stark auseinander, was den September, den weiteren Kurs der Federal Reserve, die Richtung der geopolitischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Devisenmärkte betrifft. Letztlich wird das Ergebnis nicht durch Umfragen unter Ökonomen, sondern durch die Ereignisse im Nahen Osten bestimmt werden.
Aus technischer Sicht zeigt der Tageschart, dass EUR/USD weiterhin innerhalb der Konsolidierungsspanne von 1,1370–1,1470 gehandelt wird. Die Strategie, den Euro in der Nähe der oberen Begrenzung dieser Spanne zu verkaufen, hat bereits die Möglichkeit eröffnet, Short-Positionen aufzubauen. Diese Positionen sind vorerst weiterhin haltenswert.
