Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Doch genau das versucht das wichtigste Währungspaar: Es steckt in einer engen Handelsspanne fest, während es auf den Entscheid der Europäischen Zentralbank wartet. Niemand rechnet mit einer Anhebung des Einlagensatzes, aber Christine Lagarde könnte durchaus eine straffere Geldpolitik für später in diesem Jahr andeuten. Das Problem für EUR/USD ist jedoch, dass sein Schicksal nicht in Frankfurt, sondern in Washington entschieden wird.
Händler und Fed-Chef Kevin Warsh sind sich in einem Punkt einig: Der Kampf gegen die Inflation ist noch lange nicht vorbei. Der Rückgang der US-Verbraucherpreise im Juni – der erste monatliche Rückgang seit 2020 – sorgte kurzzeitig für Erleichterung an den Märkten und veranlasste diese, Wetten auf eine bevorstehende Zinserhöhung zurückzunehmen. Doch die Atempause erwies sich als nur vorübergehend – und offenbar trügerisch. Der Ölpreis steigt wieder, nachdem der fragile Waffenstillstand zwischen den USA und Iran zusammengebrochen ist, die Ausgaben für KI treiben die Konjunktur weiter an, und Warsh hat signalisiert, dass es für die Fed oberste Priorität hat, die Inflation wieder auf das 2%-Ziel zurückzuführen, von dem sie seit fünf Jahren abweicht.
Konsens der Händler über den Leitzins

Goldman Sachs geht davon aus, dass die Fed die Zinsen bis Ende 2026 bei 3,50–3,75 % hält, während die EZB im September weitere 25 Basispunkte anheben und die Finanzierungskosten damit auf einen Höchststand von 2,5 % treiben wird, bevor sie 2027 mit Zinssenkungen beginnt.
Bank of America zeigt sich deutlich restriktiver und rechnet bereits im September mit einem Zinsschritt der Federal Reserve um 75 Basispunkte. Damit weist das Institut die Einschätzung von Kunden zurück, wonach die Inflation nur vorübergehend sei. BofA ist der Ansicht, dass Kevin Warsh strategische Gründe hat, schnell zu handeln und sich einen Ruf als Inflationsbekämpfer aufzubauen. BlackRock hingegen hält die Markterwartungen für zu restriktiv und rechnet damit, dass die Fed mit Zinserhöhungen wartet, bis sich die Konjunkturdaten abschwächen.
Entwicklung des Fed Funds Rate und der Renditen von US-Staatsanleihen

Während Händler über das Tempo der geldpolitischen Straffung debattieren, steht der Euro vor einem weiteren Problem. Bundeskanzler Friedrich Merz befürchtet, dass ein Wahlsieg von Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl 2027 das deutsch-französische Tandem zerschlagen und das europäische Projekt erschüttern würde. Ihr Einzug in den Élysée-Palast würde als Triumph der extremen Rechten auf dem Kontinent gewertet werden. Einige Experten raten Berlin und Paris jedoch dazu, sich auf gemeinsame Probleme – schwaches Wachstum und nachlassende Wettbewerbsfähigkeit – zu konzentrieren, statt politische Barrikaden zu errichten.

Damit befindet sich EUR/USD zwischen zwei Prüfern. Der eine ist die Federal Reserve, deren Entscheidungen den Kurs des Währungspaares in den kommenden Monaten vorgeben werden. Der andere sind die französischen Wähler, deren Urteil im nächsten Jahr die deutlich fernere Zukunft des Euro prägen wird. Welche dieser Prüfungen wird sich für die Währung als härter erweisen?
Technisch gesehen schwankt EUR/USD im Tageschart zwischen der oberen Begrenzung der Spanne von 1,1375–1,1450 und dem fairen Wert. Der Schwerpunkt sollte weiterhin auf Range-Trading liegen – also den Euro bei Rücksetzern zu kaufen und ihn bei Erholungen gegenüber dem US-Dollar zu verkaufen. Ein Bruch der Marke von 1,1425 würde das Risiko erhöhen, dass das Währungspaar in Richtung der unteren Begrenzung der Spanne abrutscht.
