Wenn es um KI-Aktien geht, schlägt Gier schnell in Angst um. Vor Kurzem noch haben Anleger alle Risiken ausgeblendet, um auf Chips zu setzen. Jetzt kann schon eine einzige Schlagzeile eine Verkaufswelle auslösen.
Der Philadelphia Semiconductor Index schloss am Montag erstmals seit April 2025 unter seinem 50-Tage-Durchschnitt. Der Börsengang des chinesischen Speicherchipherstellers CXMT hat die Sorgen über Konkurrenz für US-Produzenten verstärkt – insbesondere nachdem Berichte auftauchten, dass Apple mit dem Weißen Haus Gespräche darüber geführt hat, einige chinesische Chips in seinen Produkten zu verwenden.
S&P 500-, SOX- und Magnificent Seven-Dynamik

Öl ins Feuer des Ausverkaufs goss ausgerechnet der Branchenprimus selbst. Das Wall Street Journal berichtete, dass NVIDIA bereit sei, rund 250 Mrd. US?Dollar bereitzustellen, um beim Aufbau eines großen OpenAI-Rechenzentrums zu helfen. Die NVIDIA-Aktie brach daraufhin um etwa 5 % ein. Anleger beunruhigt dabei weniger das Geschäft an sich als vielmehr die zirkuläre Natur der Finanzierung – NVIDIA investiert de facto, um seine eigenen Kunden in die Lage zu versetzen, noch mehr seiner Chips zu kaufen. In der Folge eroberte Apple kurzzeitig den Titel des wertvollsten börsennotierten US-Unternehmens zurück, den der Konzern im Mai vergangenen Jahres verloren hatte.
Nicht alle sind jedoch pessimistisch. Deutsche Bank stellt fest, dass die Rotation aus Mega-Cap-Techwerten hin zu Value- und Quality-Titeln gemessen am starken Abbau überhöhter Positionierungen bereits zu rund drei Vierteln vollzogen sei. Morgan Stanley erwartet, dass sich der Fokus der Anleger von Investitionsausgabenwachstum (Capex) auf freien Cashflow und Profitabilität verlagern wird.
Entscheidend wird allerdings die Realität, nicht die Rhetorik der Banken. Mehr als 170 Unternehmen aus dem S&P 500 werden in dieser Woche ihre Ergebnisse vorlegen, darunter Microsoft, das sich historisch durch eher konservative Investitionsprognosen auszeichnet. Signalisierte Microsoft Kürzungen der für das nächste Jahr geplanten Investitionen, könnte der Ausverkauf neuen Schwung bekommen.
Anleger müssen sich in dieser Woche zudem auf Entscheidungen von drei Zentralbanken einstellen – der Fed, der Bank of Japan und der Bank of England. Der Markt preist derzeit für Mittwoch eine Pause der Fed ein. JPMorgan weist darauf hin, dass ein interner Indikator für die Marktpositionierung bereits ein Kaufsignal für den S&P 500 sendet; sinkende Renditen, ein schwächerer US?Dollar und eine Deeskalation im Nahen Osten könnten dabei zusätzlichen Rückenwind liefern.

Dennoch sind die überfüllten Positionen im Halbleitersektor und die Eskalationsrisiken rund um den Iran nicht verschwunden. Spötter haben begonnen, die Magnificent Seven bereits „Lag Seven“ zu nennen – ein Hinweis darauf, wie schlecht sie sich in diesem Jahr bislang entwickelt haben. Werden die Milliarden, die in AI geflossen sind, sich in dieser Berichtssaison auszahlen? Die Antwort steht bald bevor.
Aus technischer Sicht zeigt der Tageschart des S&P 500 die Ausbildung einer bärischen „Engulfing Bar“. Dieses Muster in Kombination mit einer Abweisung an einem dynamischen gleitenden Durchschnitt als Widerstand weist auf eine Dominanz der Bären hin. Ein bestätigter Bruch unter das Korrekturtief bei 7.375 wäre ein technischer Auslöser, um Short-Positionen auszubauen.
