Wer nach einem Grund für Optimismus sucht, wird fündig – und der Markt musste dieser Tage nicht lange suchen, sondern fand gleich zwei. Der S&P 500 schloss zum 27. Mal in diesem Jahr auf einem Rekordstand. Der formale Anlass ist klar: Der Produzentenpreisindex für Juli blieb unerwartet unverändert, obwohl Ökonomen mit einem Anstieg gerechnet hatten. Einen Tag zuvor hatte der Verbraucherpreisindex eine ähnliche Überraschung geliefert. Zwei Tage in Folge mit schwächeren Inflationsdaten – und die Märkte bewerten die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der Fed im September nun nur noch mit 32 %. Vor einem Monat war noch von 75 % die Rede.
Entwicklung der Aktienindizes

Die Renditen von US-Staatsanleihen sind gesunken, und die Wall-Street-Händler werteten die Entwicklungen als längst überfälliges Signal: Kevin Warsh hat einen Aufschub erhalten – zumindest bis zur nächsten Sitzung. Allerdings begegnet man den Äußerungen der FOMC-Verantwortlichen schon seit Längerem mit erheblicher Skepsis, da der Markt Zahlen eher vertraut als der Rhetorik aus Washington.
Unterdessen hat der PHLX Semiconductor Index seine Trendwende endgültig vollzogen, seit seinem Tiefstand Ende Juli etwa 20 % zugelegt und damit einen neuen Bullenmarkt betreten. Wie Dow Jones Market Data berichtet, war die Bärenphase damit die kürzeste seit 2020: nur 19 Handelstage gegenüber typischerweise 54 Sitzungen. Die Historie legt nahe, dass der Index nach solchen Trendwechseln innerhalb von sechs Monaten in der Regel zweistellige Kursgewinne verzeichnet – und über ein volles Jahr betrachtet noch deutlich stärker zulegt.
Performance des Halbleiterindex

Wenn man jedoch über die reinen Kursbewegungen hinausblickt, wird das Bild weniger eindeutig. Das reale BIP-Wachstum der USA lag im vergangenen Jahr bei moderaten 2,1 % und ging im zweiten Quartal auf annualisiert 1,5 % zurück. Der Aktienmarkt ist derweil seinen eigenen Weg gegangen und hat seit Jahresbeginn trotz Zöllen, teurem Öl und enttäuschenden Konjunkturdaten um 13 % zugelegt. Die Kluft zwischen der realen Wirtschaft und dem Aktienmarkt lässt sich im Ergebnis weniger mit einer Blase erklären als mit beschleunigten Unternehmensgewinnen. Laut Bank of America hat sich das durchschnittliche Gewinnwachstum der Unternehmen im S&P 500 auf 13 % beschleunigt, verglichen mit 8 % zwei Jahre zuvor. Rechnet man Amazon und Alphabet heraus, stiegen die Gewinne im zweiten Quartal laut Berechnungen von FactSet um beeindruckende 32 %.
Es geht also nicht nur um künstliche Intelligenz und die Nachfrage nach Cloud-Speicher und Chips, auch wenn dieses Thema der Haupttreiber der Rally bleibt. Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen nimmt in der breiteren Wirtschaft stetig zu, nicht nur bei Unternehmen mit Bezug zu KI. Die Risiken sind hier in etwa ausgewogen: Entweder ist der Markt der Realität tatsächlich voraus und die Wirtschaft wird irgendwann nachziehen, oder der Aktienmarkt hat eine Beschleunigung erkannt, die sich in den offiziellen Statistiken noch nicht widerspiegelt.

Hat sich der Markt von der Realität abgekoppelt – oder hat die Realität einfach noch nicht mit ihm gleichgezogen?
Technisch gesehen hat der S&P 500 im Tageschart die Konsolidierungsspanne von 7.710–7.770 nach oben durchbrochen, was die Eröffnung von Long-Positionen ermöglicht hat. Diese sollten erst dann in Short-Positionen gedreht werden, wenn sich das Spike-and-Ledge-Muster in einen Fehlausbruch verwandelt, wofür ein Rückfall unter 7.740 notwendig wäre.
