„Verzögert wirkende Datenveröffentlichungen“ ist wohl die treffendste Beschreibung für die gestern publizierten US-Makrodaten. Gemeint sind der ISM Manufacturing Index und der JOLTS-Bericht. Trotz der roten Zahlen in den Schlagzeilen behauptete der Dollar seine Position, und die Verkäufer im EUR/USD setzten den Support bei 1,1580 weiter unter Druck – ein Niveau, das sowohl auf dem D1-Chart als auch auf dem W1-Chart dem mittleren Bollinger Band entspricht. Unterstützung erhielt der Greenback zudem durch die Entwicklungen im Nahen Osten, die sich erneut in Richtung einer Eskalation zu bewegen scheinen.
Trotzdem sollten die gestrigen US-Daten keinesfalls ignoriert werden. Beide Veröffentlichungen sind nicht nur isoliert betrachtet relevant, sondern vor allem im breiteren Kontext der Beurteilung der Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft und des künftigen Kurses der Geldpolitik der Federal Reserve. Der ISM liefert insbesondere einen zeitnahen Einblick in den Zustand des verarbeitenden Gewerbes und, noch wichtiger, in die Entwicklung von Nachfrage und Beschäftigung in diesem Sektor. JOLTS wiederum zeichnet ein detaillierteres Bild der Lage am Arbeitsmarkt, einem der wichtigsten Orientierungspunkte der Fed.
In beiden Fällen wirkt die innere Struktur der gestrigen Veröffentlichungen deutlich schwächer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Beginnen wir mit dem ISM Manufacturing Index. Formal gesehen kann der August-Bericht nicht als katastrophal bezeichnet werden: Der Index blieb mit 54,6 im Expansionsbereich, nachdem er im Juli auf 55,6 gestiegen war. Der Indikator liegt nun bereits den achten Monat in Folge über der wichtigen 50-Punkte-Schwelle. Die eigentlichen Warnsignale stecken jedoch in der Dynamik der wichtigsten Unterkomponenten der Veröffentlichung. So fiel etwa der Subindex für neue Aufträge, der de facto als Barometer für die künftige Nachfrage gilt, um 3 Punkte auf 52,7. Das ist der niedrigste Wert der vergangenen drei Monate. Gleichzeitig ging auch der Subindex für Auftragsbestände um 3 Punkte auf 51,8 zurück. Mit anderen Worten: Die Industrie wächst zwar weiterhin, aber ihre Sicherheitsmarge schrumpft allmählich.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Produktion. Die entsprechende Komponente verharrte mit 58,3 nahezu unverändert nach 58,5 im Juli. Auf den ersten Blick wirkt das erneut positiv. Gleichzeitig hat sich jedoch die Stimmung der Produzenten eingetrübt: Das Verhältnis positiver zu negativer Kommentare zur Produktionskomponente sank auf 2,2 von 3,3 im Vormonat. Auffällig ist zudem die Kombination aus nachlassender Nachfrage und anhaltendem Preisdruck, da der Subindex für Preise mit sehr hohen 71,1 unverändert auf dem Juli-Niveau blieb.
Mit anderen Worten: Die Struktur des Berichts beginnt gewisse stagflationäre Züge zu zeigen: Die wirtschaftliche Aktivität verliert allmählich an Schwung, während der Inflationsdruck erhöht bleibt. Das ist eine äußerst ungünstige Konstellation für die Fed, weil sie den Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik gleichzeitig einengt und das Risiko einer weiteren Abkühlung der Wirtschaft erhöht.
Unter den aktuellen Umständen dürfte jedoch die Beschäftigungskomponente für den Dollar besonders wichtig sein. Dieser Indikator fiel von 52,8 auf 51,2 Punkte, während sich das Verhältnis der Kommentare zu Neueinstellungen gegenüber Stellenabbau auf 1,3 von 1,5 im Vormonat verschlechterte. Mit anderen Worten: Der verarbeitende Sektor schafft zwar weiterhin Arbeitsplätze, tut dies aber deutlich weniger dynamisch.
Das steht in direktem Zusammenhang mit den JOLTS-Daten, die zur gleichen Zeit veröffentlicht wurden.
Hier zeigt sich ein sehr gemischtes Bild, das aus meiner Sicht klar negativ für den Greenback ist. Einerseits stieg die Zahl der offenen Stellen im Juli um 89.000 auf 7,271 Millionen. Andererseits wurde der Wert des Vormonats Juni deutlich nach unten revidiert – um satte 177.000 auf 7,182 Millionen. Zudem sind auch andere Komponenten negativ. Die Zahl der Neueinstellungen sank beispielsweise um 278.000 auf 5,054 Millionen, während die Einstellungsrate von 3,4 % auf 3,2 % zurückging. Den größten Rückgang verzeichneten die Bereiche Professional and Business Services.
Der Rückgang der Entlassungen von 1,785 Millionen im Juni auf 1,666 Millionen im Juli wirkt auf den ersten Blick positiv. Doch auch hier gibt es eine wichtige Nuance. Historisch betrachtet hat das relativ niedrige Niveau der Entlassungen die Widerstandskraft des US-Arbeitsmarkts gestützt. Nun jedoch beeilen sich die Unternehmen zwar nicht, Mitarbeiter zu entlassen, zeigen sich aber gleichzeitig immer zurückhaltender bei Neueinstellungen. Mit anderen Worten: Der Arbeitsmarkt hat eine Art Gleichgewicht erreicht. Es ist das klassische „low-hire, low-fire“-Szenario, das eher auf Stagnation als auf eine Beschleunigung am Arbeitsmarkt hindeutet.
In der Folge wirken sich beide gestrigen Veröffentlichungen de facto ungünstig auf den Greenback aus. Und auch wenn die US-Wirtschaft nicht einbricht, verschieben die neuen Anzeichen schwächerer Nachfrage, nachlassender Industrieaktivität und gebremster Einstellungen die Risikoabwägung allmählich in Richtung einer eher dovish ausgerichteten Fed. Sollten spätere Daten, allen voran ADP und NFP, diesen Trend bestätigen, könnten sich die gestrigen Warnsignale zu einem voll ausgeprägten bärischen Signal für den Dollar entwickeln.
Dennoch bewegt sich EUR/USD trotz all dieser Signale allmählich nach unten. Der Haupttreiber ist hier die Geopolitik: Ein weiterer Schlagabtausch zwischen den USA und Iran hat eine neue Welle der Risikoaversion an den Devisenmärkten ausgelöst und gleichzeitig die Ölpreise nach oben getrieben. Brent-Rohöl kletterte auf 94–95 US-Dollar je Barrel und verstärkte damit die Sorge vor einem neuen Inflationsschub. In dieser Situation profitierte der als sicherer Hafen geltende Dollar.
Allerdings hat sich immer wieder gezeigt, dass der geopolitische Faktor äußerst unzuverlässig und wechselhaft ist. Heute verschafft er dem Greenback erhebliche Unterstützung, morgen kann er fast völlig aus der Marktgleichung verschwinden. Sobald wieder der Wind der Diplomatie weht, steht der Dollar erneut allein den makroökonomischen Daten gegenüber. Und diese sprechen derzeit eindeutig nicht für ihn.
Daher ist es im Augenblick am sinnvollsten, sich bei EUR/USD vorerst zurückzuhalten – zumal vor dem Hintergrund eines unsicheren Bruchs der Unterstützung bei 1,1580 mit anschließender Gegenbewegung, der mittleren Bollinger-Linie sowohl im Tages- (D1) als auch im Wochenchart (W1). Die nächste Bewegung des Währungspaares wird maßgeblich davon abhängen, welcher der beiden Faktoren sich als stärker erweist: die Geopolitik oder die schwachen US-Makrodaten.
