Der Aktienmarkt hat die künftigen Makrodaten quasi vorweggenommen und seinen besten Tag seit einem Monat hingelegt. Die Rally war ungewöhnlich breit angelegt: Jeder S&P-500-Sektor mit Ausnahme von drei schloss im Plus. Finanzwerte und zyklische Konsumgüter legten um mehr als 1,5 % zu, und jedes der „Magnificent Seven“-Schwergewichte beendete den Tag über seinem Eröffnungskurs.
Tägliche Entwicklung des S&P 500

Der Auslöser waren Äußerungen des Fed-Gouverneurs Christopher Waller. Er sagte, dass er bereit sei, beim nächsten FOMC-Treffen dafür zu stimmen, den Federal-Funds-Satz beim aktuellen Stand von 3,75 % zu belassen, falls die Inflationsdaten für August den jüngsten Fortschritt bestätigen. Seiner Ansicht nach zeigen die jüngsten Daten Anzeichen von Disinflation. Der Derivatemarkt reagierte umgehend: Die von der CME eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinsschritt-Entscheidung im September fiel auf einen Münzwurf – 50/50 – gegenüber rund 70 % am Vortag.
Wallers Aussagen füllten zudem ein Vakuum, das entstanden war, nachdem Fed-Chef Kevin Warsh sich von der Praxis verabschiedet hatte, die Markterwartungen im Vorfeld zu steuern. Diese Rolle übernehmen nun einzelne Notenbankvertreter und die eigene Interpretation der Daten durch Investoren. Unterdessen gaben die Renditen von US-Staatsanleihen, deren jüngster Anstieg weltweit für Nervosität gesorgt hatte, etwas nach.
Auch der Unternehmenskalender lieferte zusätzlichen Schub. Die Aktien von Nvidia legten um 1,8 % zu, nachdem das Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über 5 Billionen US-Dollar einer Übernahme von Hugging Face für 12,93 Milliarden US-Dollar zugestimmt hatte – ein weiterer Schritt zur Ausweitung seines Open-Model-Ökosystems vor dem Hintergrund des Wettbewerbs durch chinesische Entwickler. Navellier & Associates sieht den Boom bei KI-Rechenzentren weiterhin intakt und erwartet, dass mit sinkenden Herbsttemperaturen die Aktienmärkte mit einer weiteren Welle rekordhoher Unternehmensgewinne wieder Fahrt aufnehmen.
Entwicklung der US-Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft

Dennoch ist es zu früh zum Feiern. Ökonomen erwarten, dass der Payrolls-Bericht einen Anstieg der Beschäftigung um 55.000 ausweist, in etwa dem diesjährigen Durchschnitt entsprechend. Am Terminmarkt wird laut Citigroup derzeit nur eine Bewegung von etwa 0,7 % im S&P 500 in die eine oder andere Richtung eingepreist. Ein „Goldilocks“-Wert würde die Sorgen vor weiteren Zinserhöhungen dämpfen; ein zu starker NFP würde sie wiederbeleben. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe entsprachen weitgehend den Prognosen, während die Aktivität im Dienstleistungssektor im August den stärksten monatlichen Zuwachs seit sechs Monaten verzeichnete.

Kurz gesagt: Der Markt hat ein Soft Landing bereits eingepreist, aber das endgültige Urteil wird nicht von Christopher Waller kommen, sondern von den US-Arbeitsmarktdaten.
Technisch hat der S&P 500 auf dem Tageschart seinen Fair Value bei 7.675 zurückerobert und damit Long-Positionen ermöglicht. Die Wahrscheinlichkeit einer abgeschlossenen 1?2?3-Umkehr ist gesunken, was die Chancen auf eine Fortsetzung des Aufwärtstrends erhöht. Empfehlung: Positionen weiter halten.
